Von Reiner Luyken

Ein unscheinbarer Weiher an irgendeinem entlegenen Küstenstrich, ein durch eine Schleuse reguliertes Bächlein ins Meer und an dessen Mündung eine reusenartige Netzkonstruktion: Mehr ist nicht nötig, um eine der modernsten und wirtschaftlichsten Fischerei-Flotten zur See zu schicken – falls sich die Visionen einiger Wissenschaftler und Fischereiwirtschaftler verwirklichen.

Die Visionäre beschäftigen sich mit einer neuen Form der Fischzucht, die in Anlehnung an die räumlich ausgedehnte Viehzucht des amerikanischen Nordwestens ocean ranching genannt wird: das ocean ranching von Lachsen.

Sein biologisch hochinteressanter, zum Teil noch nicht völlig erforschter Lebenszyklus macht den Lachs zum idealen Fisch für ein solches Unternehmen. Nach zweijähriger, in den Flüssen Nordeuropas verbrachter Kindheit wandern die Lächslein ins Meer, keiner größer als eine Sprotte. In den reichen Jagdgründen um die Färöer-Inseln, um Island und Grönland haben sich einige schon nach wenigen Monaten an Sandaal und Lodde so vollgefressen, daß sie als sechs- bis achtpfündige Junglachse – oder Jakobssalme, wie sie genannt wurden, als sie noch den Rhein bevölkerten – in die Flüsse ihrer Jugend zurückkehren, um ihrem Laichgeschäft nachzugehen.

Andere mästen sich weitere ein oder zwei Jahre, bis der unwiderstehliche Trieb zum Süßwasser die dann zwanzig, ja dreißig Pfund schweren Prachtexemplare aus den Futtergründen fortschwimmen läßt. Der noch nicht völlig verstandene Rückkehrtrieb führt die geschlechtsreifen Silberfische unfehlbar zur Stätte ihres ersten Kontaktes mit der See zurück – also an die Mündung des heimatlichen Flusses oder Baches ins Meer.

Die ocean rancher wollen nun den Nachwuchs vom Laich bis zum wanderbereiten Lächslein mit intensiven Methoden – etwa in einem Weiher – bewirtschaften. Dadurch vermeiden sie natürliche Verlustraten und umweltbedingte Lebensraum- und Futterbeschränkungen. Schottische und skandinavische Zuchtanstalten produzieren auf diese Weise schon geraume Zeit Nachwuchs für konventionelle Lachsfarmen.

Im Frühsommer, wenn die smolts genannten Jungtiere ihr braunes Süßwasserkleid mit den sillernen Schuppen der Seefahrer vertauschen, wird das Schleusentor hochgezogen. Dann laufen sie aus, wie es der schottische Lachsexperte William Muir beschreibt, Tausende von "billigen, William schen Trawlern, voll automatisiert, ausgerüstet zum Fang und zur Weiterverarbeitung ozeanischer Organismen zu einer Delikatesse, um sich dann zu vorbestimmter Zeit an einem vorbestimmten Ort wieder einzufinden".