Sehens- und hörenswert

„Von Mao zu Mozart“ von Murray Lerner und Alan Miller. Was wissen wir über die chinesische Musik? Peking-Oper, gewiß. Und was über die Musik in China? Würde man vermuten, daß einem jemand auf Pekings Straßen seine kenntnisreiche Vorliebe für John Denver oder Dolly Partei verrät? Daß da eine, nun ja, zwölfjährige junge Dame sich an ein Mozart-Konzert wagt? Eher schon zu vermuten war, daß, wenn ein berühmter Geiger ins Land eingeladen wird, diesem ein großes Orchester von einsaitigen Röhrengeigen einen amerikanischen Folkloretanz vorzirpt; daß in ganz Shanghai nur ein einziger und noch dazu verstimmter Flügel existiert. Die Unkenntnis, das Nicht-Wissen ist auf beiden Seiten. Isaac Stern, einer der klangempfindlichsten Geiger unserer Tage, der Künstler mit dem vielleicht umfangreichsten Repertoire, mußte sich ebenfalls überraschen lassen, als er 1979 in die Volksrepublik China fuhr. Der Dokumentarfilm über die Reise, ein non profit-Streifen, dessen Gewinn in die Carnegie-Stiftung wie in humanitäre Institute fließt, erhielt prompt einen „Oscar“. Was zeigt er, was ist dokumentiert? Wie ein Solist ein Orchester mitreißt? Wie er ein Publikum begeistert? Das auch, aber es ist nebensächlich. Wie eine ganze Hochschule im Auditorium gebannt verfolgt, wenn einige der ihren das Glück haben, dem großen Gast vorspielen zu dürfen? Auch dies. Im wesentlichen aber: wie eine Distanziertheit und Förmlichkeit sich durch Musik löst; wie eine kleine Bewegung einer Geige, eines Oberkörpers, eines Augenlids, ein Atemzug oder eine Änderung der Blickrichtung (fast) alles sagt darüber, wie eine Phrase gespielt werden kann, sollte, müßte; wie ein paar solcher Momente einen Schüler umkrempeln, ihn in einen Musiker verwandeln können. Und der Film macht es möglich, daß unsereiner selber als „Profi“ unter den Musikhörern plötzlich ganz Vertrautes ganz neu hört, ganz intentional auf eine Winzigkeit achtet, und feststellt, daß es, natürlich, eigentlich doch nur so klingen kann. Isaac Stern, der Amerikaner ukrainischer Abstammung, mag, wie der Pianist Rubinstein, seinen Schwur nicht brechen, nie wieder in Deutschland zu spielen. Er könnte uns, wie den Chinesen, noch viele Ohren öffnen.

Heinz Josef Herbort

Beachtlich

„Das vergessene Lager – Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme“ von Bernd Jacobs und Thomas Schaefer. Daß das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg zu den größten in Deutschland gehörte, wer erinnert sich schon daran? Daß Hamburger und norddeutsche Betriebe ihre Produkte, vor allem Kriegsmaterial, von Häftlingen dieses Lagers herstellen ließen, hat man verdrängt oder vergessen, vielleicht nie gewußt. Daß die Häftlinge – in Neuengamme waren vor allem Ausländer – Waffen oder Waffenteile fertigten, die der Vernichtung ihrer eigenen Heimatländer dienten, ist ein besonders makrabres und trauriges Kapitel unserer Geschichte. Die verordnete Vergangenheitsbewältigung war von Kleinmut, Angst und Intoleranz geprägt. Die Hamburger Filmemacher Bernd Jacobs und Thomas Schaefer begnügen sich nicht damit, die Geschichte des Konzentrationslagers zu dokumentieren. Sie stellen Zusammenhänge dar, zeigen, welch wichtiger wirtschaftlicher Faktor Arbeitslager im Hitler-Deutschland waren. Und sie machen deutlich, daß die Geschichte des Lagers Neuengamme mit dem Ende des Krieges nicht aufhörte. Bis zur Einweihung des Dokumentenhauses auf dem Gelände des Lagers im vergangenen Jahr gab es viele Versuche, und eben auch viele vergebliche, die Erinnerung wachzuhalten, der 55 000 Menschen zu gedenken die in nur fünf Jahren in Neuengamme umgekommen.sind. Sechs überlebende ehemalige Häftlinge kommen in „Das vergessene Lager“ ausführlich zu Wort, vier Polen, ein Holländer, ein Deutscher. Sie erzählen, sachlich, ohne Anklage, wie es damals war in Neuengamme, und einer formuliert, vielleicht stellvertretend auch für die anderen, den wohl wichtigsten Satz: „Die Rache habe ich abgeworfen, gleich.“

Anne Frederiksen

Mittelmäßig