Von Gunhild Freese

Ein Hauch von Selbstkritik klang an, als Walter Deuss, Vorstandssprecher der Essener Karstadt AG, sich in diesem Sommer an seine Aktionäre wandte. "Wenn auch die Übernahme der Neckermann Versand AG eine grundsätzlich richtige Entscheidung war, so verstehen wir durchaus, daß Sie, meine Damen und Herren, die noch immer andauernde Verlustsituation allmählich mit Ungeduld erfüllt." Und er gestand ein, daß "die Schwachstellen des Unternehmens vielfältiger waren, als wir zunächst angenommen haben".

Gleichwohl mochte Deuss die Karstadt-Eigner nicht ohne Hoffnung entlassen: Im laufenden Jahr werde "unsere Frankfurter Tochtergesellschaft ertragsmäßig einen Schritt vorankommen, ohne allerdings den ... Ausgleich ihres Abschlusses schon erreichen zu können".

Schneller als befürchtet freilich holte nun die Wirklichkeit die Neckermann-Mutter ein. In einem Brief an die "Sehr geehrten Aktionäre" mußte der Karstadt-Vorstand Anfang November eingestehen, daß "Neckermann das Jahr 1982 erneut mit einem Verlust abschließen" werde, "der bei weiter ungünstigem Umsatzverlauf an die Höhe des vorjährigen Fehlbetrages heranreichen kann". 1981 wurden knapp siebzig Millionen Mark verloren – wie auch schon im Jahr 1980.

Fast sechs Jahre, nachdem der größte heimische Warenhauskonzern durch sein Engagement den Frankfurter Versender vor dem Konkurs bewahrt hatte, kann Karstadt seiner Tochter noch immer nicht recht froh werden. Obwohl die erfolgs- und überaus selbstbewußten Karstadt-Manager mit Verve die Sanierung in Frankfurt angepackt hatten – ganze drei Jahre sollte die Aktion dauern –, konnte bislang die Wende nicht herbeigeführt werden. Über 400 Millionen Mark mußten bisher an Verlusten verbucht werden.

Nun steht wieder eine neue Etappe auf dem Weg zur Sanierung der maroden Tochter an. Der Karstadt-Vorstand beschloß in diesem Sommer, sich nicht mehr mit der Oberaufsicht aus dem Aufsichtsrat, in dem allein vier Mitglieder des siebenköpfigen Karstadt-Vorstandes sitzen, zu begnügen, sondern unmittelbar Entscheidung und Verantwortung zu übernehmen. Bernhard Schröder, Vorsitzender des Neckermann-Aufsichtsrats und Karstadt-Vorstand, übernahm Anfang Oktober den Vorsitz im Neckermann-Vorstand.

Damit leitete die Muttergesellschaft erneut eine Abkehr von der Vergangenheit ein, diesmal von der eigenen. Denn als Anfang 1977 die Essener die Regie in Frankfurt übernahmen, sollte den Neckermännern moderner Management-Stil demonstriert werden. Unter der Ägide des Firmengründers Josef Neckermann hatte es immer nur einen gegeben: Neckermann. Er hatte so das Unternehmen zum Erfolg geführt – doch schließlich auch in die Pleite. Die Karstädter installierten einen Kollegial-Vorstand, wie er auch in Essen Tradition ist, und zogen damit zugleich deutlich einen Schlußstrich unter Neckermanns patriarchalische Vergangenheit.