Von Julius H. Schoeps

Das Fernsehen strahlt die "Holocaust"-Serie noch einmal aus, und schon leben die alten Debatten wieder auf. Die Argumente dafür und dagegen sind dieselben wie 1979: Die Ästhetiker mäkeln über den mediokren Stil der soap Opera; die Didaktiker beschäftigen sich mit dem Problem, ob und warum dieser Film zur Aufklärung über den Nationalsozialismus beitragen kann.

Nachdem schon so viel über "Holocaust" und seine Wirkung gesagt und geschrieben worden ist, wäre es überraschend, wenn ganz neue Einsichten gewonnen werden könnten. Unter den Wirkungsuntersuchungen ragt die Studie einer Kölner Psychologengruppe heraus:

Y. Ähren, C. B. Melchers, W. Seifert, W. Waener: "Das Lehrstück Holocaust. Zur Wirkungspsychologie eines Medienereignisses." Westdeutscher Verlag, Opladen, 1982, 180 S., 19,80 DM.

Den Autoren ist es tatsächlich gelungen, nicht nur die Debatte zusammenzufassen, sondern sie auch zu neuen Erkenntnissen hinzuführen. Ihr besonderes Verdienst ist es, eine eigene Systematik entwickelt zu haben, die das gesamte Feld der "Holocaust"-Wirkungen überschaubar macht. Zwar verwenden sie dabei einen konsequent psychologischen Ansatz, aber man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Denn herausgekommen ist ein gut geschriebenes Buch, in dem der Leser seine persönlichen Erfahrungen aufgegriffen findet.

Die Kölner Gruppe beschreibt erstmals, wie der Film von den deutschen Zuschauern tatsächlich erlebt wurde. Diese ausführliche Darstellung bildet die Basis für die spätere Analyse. Das tiefenpsychologische Verfahren läßt erkennen, daß die Zuschauer Probleme durchlebten, denen sie sonst nur in Extremsituationen ausgesetzt sind. Am Ende sind sie gleichsam selber zu "Überlebenden" geworden. Sie identifizieren sich mit den fiktiven Personen des Films und erleben eruptiv den Zusammenhang von Handeln, Versagen und Schuld. Ihre Betroffenheit wird von einem Grundkonflikt her verständlich gemacht.

Die Psychologen dokumentieren ausführlich die Nachwirkungen des Films. Sie ordnen die unterschiedlichen Reaktionen auf "Holocaust" in einer Typologie, und es gelingt ihnen, den Zusammenhang von unmittelbarer Rezeption des Films und dessen Nachwirkung herzustellen. Sechs Grundformen reichen aus, um die Fülle zu ordnen: