„Das Herz der Welt“, Roman von Daniel Odier. Anspruchsvoller Inhalt: die Schweizer Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart – Epochen werden zu Episoden. Bis ins Vokabular rekonstruiert der Autor, der alle Schauplätze der Handlung besucht hat, die Zeit der Ereignisse, ihr psychologisches Klima, ihre geistige Mentalität. Trotz der Bemühung um historische Genauigkeit setzt der Autor auf Fiktion, auch als Kraft und Motor der Geschichte. Trotz dieser Literarisierung, die der modernen Geschichtsschreibung suspekt bleiben muß, betreibt Odier alles andere denn Vulgarisierung. In ihrer sprachlichen Verfeinerung, die in der deutschen Übersetzung weitgehend erhalten bleibt, richtet sich die Verdichtung, unverbrauchter historischer Motive in erster Linie an das „kultivierte“ Publikum. Auf exemplarische Art zeigt der welsche Romancier, daß sich die subjektivste Art des Erzählens sogar mit der extremsten Weltbezogenheit, wie sie der geschichtliche Stoff fordert, ästhetisch durchaus verträgt. (Aus dem Französischen von Pierre Imhasly; Schweizer Verlagshaus, Zürich, 1981; 352 S., 32,-DM) Jürg Altwegg

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„Lieddeutsch“, Gedichte von Rainer René Müller. „Desire & Gegenrealismus“ – bemerkenswert wie der Name des avantgardistischen Verlages, in dem dieser Lyrikband herauskommt, sind die Texte: Arbeiten, die sich kunstvoll, ja artifiziell im „Lieddeutsch“ statt im Sprechdeutsch, im umgangssprachlichen Reden, realisieren. Die Quelle des Surrealismus tritt in den Versen des ‚1949 geborenen Autors unverhofft wieder aus sprödem Wortgestein hervor. Müllers Studienfächer haben Spuren in dieser intellektuellen Dichtung hinterlassen. Die empfundene Brüchigkeit der Welt reflektiert sich in der Brüchigkeit einer Sprache, verfeinert durch raffiniert angewandte Typographie. Müller spielt dort weiter, wo die deutschen Surrealisten und Manieristen verstummten, als der von Brecht und den Nordamerikanern gespeiste Realismus zur übermächtigen Strömung geworden war. Die Gefahren: eine gewisse Willkürlichkeit und ein Hermetismus, der allerdings durch Realitätsangebote immer wieder Neugier erweckt. (Desire & Gegenrealismus / Verlag für Gegenrealismus, c/o Günther Dienelt, 8460 Schwandorf 1, Lilienthalstraße 8a, 1981; 68 S., 10,– DM)

Hans-Jürgen Heise