Von Michael Naumann

Washington, im November

Evilio Gomez hatte Castros Cuba vor zwei Jahrzehnten mit seiner Familie verlassen und war nach Kalamazoo im amerikanischen Bundesstaat Michigan gezogen. Dort war es kalt im Winter, doch er fühlte sich frei. Als sein Sohn, Evilio jr., zwanzig Jahre alt war, wollte er der neuen Heimat Amerika danken: Freiwillig zog er 1969 in den Vietnamkrieg, und am Tag seines ersten Einsatzes als Ranger, als Fährtensucher, erlag er den Kugeln eines Vietcong-Scharfschützen – Eines von 57 979 amerikanischen Opfern des südostasiatischen Konflikts zwischen 1959 und 1975.

Am Sonntag: standen Evilios Eltern vor den schwarzen Granittafeln des neuen Vietnamdenkmals in Washington, nicht weit vom Ufer des Potomac. Es war, als hätte sich die Erde geöffnet, als wären die Toten jener Jahre dem Fluß des Vergessens entstiegen, Im stumpfen Winkel, eingebettet in einen herbstlichen Ahornhain, stoßen die Flügel des Monuments zusammen. Eingeätzt in die spiegelglatten Steine sind die Namen aller Opfer, geordnet in der chronologischen Reihenfolge ihres Todes: Dale Buis und ehester Ovnard, am 8. Juli 1959, 20 Meilen nördlich von Saigon erschossen – die ersten; Richard Vande Geer, gefallen am 15. Mai 1975 – der letzte. Und mittendrin Evilio Gomez jr.

Seine Mutter berührt den kalten Stein, ihr Zeigefinger fährt die Rillen des Namenszuges ab. "Gott sei Dank haben wir seinen Leichnam noch gesehen", sagt ihr Mann. Frau Gomez weint, wie viele andere vor dieser meterhohen Mauer: Veteranen in olivgrünen Tarnanzügen, die doch längst zum Lumpensammler gehörten; Väter, die ihren Söhnen einst ähnliche Gefühlsausbrüche – "Sei ein Mann!" – untersagt hätten; 40jährige Frauen, die hier versteinerte Erinnerungen an die fabelhaften, die mörderischen sechziger Jahre anstarren, es sind Tränen über einen Krieg, der immer weitergeht im Herzen, der nicht endet für 2,2 Millionen Amerikaner: "Vietnam, Vietnam", sagt einer von ihnen, "alle waren wir da."

Nicht alle: Kein amerikanischer Abgeordneter, kein US-Senator hat in Vietnam einen Sohn oder Enkel verloren. Aus dem höheren Offizierskorps kamen drei Generäle und fünf Obristen ums Leben. Das Bürgertum schickte damals Seine wehrpflichtigen Söhne auf die rettenden Universitäten. In Vietnam waren vor allem Amerikas junge Proletarier gewesen. Einer von ihnen steht, unter den Trauernden vor dem Denkmal. Er weiß noch nicht, daß der Krieg aus ist: "Wofür kämpfen wir", ruft er, immer lauter werdend, "wofür kämpfen wir?" Er ist fast vierzig Jahre alt, doch seine Zeit ist stehengeblieben auf der Straße nach Hue.

Eine Woche lang hat sich das offizielle Washington redlich bemüht, der gefallenen und verkoppelten, der überlebenden und seelisch verletzten Vietnam-Veteranen zu gedenken und hat doch kläglich versagt Das ernste Monument, in dem Heroismus am Namen jedes einzelnen Opfers gemessen wird, geht auf eine private Spendensammlung zurück, von dem Kriegsverletzten Jan Scruggs ins Leben gerufen. Die Boeing Company, Hersteller der B 52, stiftete 64 467 Dollar. Als 15 000 Veteranen zur Denkmalsenthüllung nach Washington gereist waren und in schneidender Kälte in Sichtweite des Weißen Hauses defilierten, erholte sich Ronald Reagan auf seinem Wochenendsitz Camp David: "Vietnam", sagt er immer wieder, "war ein edles Anliegen." Mehr fiel ihm zu diesem Krieg nicht ein. Sein Verteidigungsminister war es, der dem verlorenen Sieg nachtrauerte: "Diese Kriegslektion dürfen wir nie vergessen", sagte Caspar Weinberger auf dem Heldenfriedhof von Arlington, "nie wieder dürfen wir unsere Männer und Frauen in einen Krieg schicken, den wir nicht gewinnen wollen." Doch während die Politiker, die Offiziere, die Daheimgebliebenen und die Davongekommenen über verfehlte Strategien haderten, machten die Veteranen in Washington eine andere Rechnung auf: Die Einzelposten der Erinnerung trugen Namen wie Khe San, Pleiku, "Hackfleischhügel" und Hue. "Weißt du noch?" und "Wo warst du?" das waren die Fragen, mit denen die Überlebenden jene sentimentale Gemeinsamkeit suchten, die ihnen die Nation, über den Krieg entzweit, bei ihrer Heimkehr vorenthalten hatte: