Das Projekt "Letzte Briefe aus Stalingrad" (aus dem Bertelsmann Verlag im Jahre 1954) erschien mir als eine gewisse Nachahmung des einstigen Erfolgsbuches "Kriegsbriefe gefallener deutscher Studenten" nach dem Ersten Weltkrieg. Doch deckte sich die ganze Geschichte einfach nicht mit meinen Erfahrungen. Wenn ich auch in der Philosophie nur für eine dialektische Einheit von Theorie und Praxis eintrete, muß ich im Alltagsleben doch der reinen, einfachen, nüchternen Empirie Rechnung tragen. Und da stimmte vieles nicht: Auf der Bauchbinde des Bandes steht: "Letzter Postsack, der aus Stalingrad geflogen wurde." Er sei zu statistischen Zwecken beschlagnahmt worden. Das klingt ziemlich geschäftsmäßig. Postsäcke? Ich glaube, die wären längst schon zerschnitten, verarbeitet, verwertet worden, wenn es solche noch gegen Ende des Kessels gegeben hätte.

Die Texte scheinen aber nicht aus dem Jahr 1943 zu stammen! Ich bestreite, daß "die letzte Maschine aus dem Kessel in Nowo-Tscherkask" landete. Ich bestreite, daß eine ausfliegende Maschine im Januar 1943 gleich sieben (!) Postsäcke dabei hatte. Wir hatten – bei der Bestandsaufnahme im Lazarett in Warschau, im Februar – von zahlreichen Offizieren (einmal sogar von zwei Leitungsoffizieren, die für diese Bestandsaufnahme eigens aus Berlin gekommen waren) – erfahren, daß wohl die Maschine vom 11. Januar 1943 aus Pitomnik die "letzte" bis zur Landung zurückgekommene Maschine war, die Menschen oder Gegenstände hatte mit zurückbringen können. Pitomnik war am nächsten Tage oder noch am Abend des gleichen Tages von russischen Truppen erobert worden. Es gelang zwar nach. ein oder zwei Tagen, ganz kurze Zeit den Flugplatz (etwas abseits vom Ort) zurückzuerobern, aber: Da war keine "Landebahn", keine ebene Fläche mehr, auf der eine Maschine hätte landen und gar dann einladen können.

Daß unsere Post "zensiert" werden wurde, wußte jeder. Aber wir hatten keine Post. Briefe schreiben war einfach unmöglich. Es gab nur Postkarten. Ich habe etwa drei bis vier geschrieben. Eine – an die Frau Mutter – kam an. Ich habe sie heute noch. Ein solcher "Schmarrn", wie in diesen angeblichen Stalingrad-Brefen steht, findet sich nicht. Auch meine Kameraden hätten solche "Briefe" nie geschrieben.

Wir wußten nur eins und unterhielten uns darüber: Wir durften nicht schreiben, wo wir sind. Wir einigten uns, die Operette "Der Zarewitsch" irgendwie einzubringen, sei es als Traum, als Erinnerung, als gesungene Weise oder dergleichen, weil dabei (damals) jeder an die "Wolga, wo ein Soldat stund" denken würde. Und dann – die paar Zeilen, die wir kritzeln konnten auf ein kaum standfestes Papier – die waren ernst, bitterernst, aber echt ernst, nicht theatralisch, nicht forsch, nicht keß, wie es zum Beispiel im Buch heißt ("Vorsichtig sein, alter Herr, Herzfehler bedenken"). Es hat sich auch niemand "abgemeldet". Es darf aber gefragt werden, und alle einfachen Landser, alle "Schützen Arsch" haben das Recht zu fragen, ob diese "Abmeldung" des Herrn Oberleutnant wirklich "Abmeldung" war. General Rodenburg kam – ein ebenfalls doch recht forscher Offizier – nicht nur in Gefangenschaft, sondern alsdann auch nach Hause.

Die sämtlichen hier vermittelten Briefe bezeugen einen Ton, eine Ausdrucksweise, ein Themenfeld, das niemals ein einfacher (und damit der) Stalingradkämpfer berührt hätte. Stilistische Romantismen gab es nicht. Nur ein alberner Briefschreiber käme auf den Gedanken, an das "Amt" des Vaters zu schreiben, damit die Mutter die Nachricht erst auf Umwegen erfährt. Nur ein ganz alberner Mensch kann dabei seinen Vater als "Oberst" ansprechen und diesen Dienstgrad heraushängen. Und ein ganz frivoler Bursche behauptet – sich dabei selbst frivol nennend –, daß er schon 36 bis 37 Briefe da in Stalingrad geschrieben habe. Und der kesse Ton! Das und so schrieb keiner im Kessel! Und der "Kradfahrer", der "viel herumkommt", hat seinen Sprit (und wohl auch seine Maschine) von den Göttern bezogen, aber nicht vom deutschen Heer. Und: Er will gleich zehn Kilometer fahren! Donnerwetter!

Ein anderer, es muß ein Offizier sein, bemitleidet die "tausend armen Teufel, die vorne in den Löchern liegen", er ist 26 Jahre alt – und hat "ein Dutzend Zigaretten". Der schnoddrige Ton "Scheiße", "Blödsinn" und "Krimskram" scheint Echtheit des Briefes belegen zu wollen, aber: auch dies war beim Schützen und auf seiner Postkarte nicht der Fall.

Die einzelnen "Briefe" entstammen ganz verschiedenen Stationen. Wie kann das bei der Sammlung der Post (etwa so, wie in normalen Postleitungsgebieten) zustande gekommen sein!? Die Verbindung zwischen den einzelnen Absendestationen war bestimmt im Kessel nicht abgesichert oder hergestellt. Da hat die eine Einheit an Weihnachten Mehl, Schinken und Salz(!!). Und der Schreiber meint: "Die Kameraden in der Steppe sind nicht so gut dran wie wir." Dazu billig: "Sie haben eben Pech gehabt."