Hamburg

Ein hoher klarer Himmel glänzt über Hamburg. Schwäne schaukeln gelangweilt auf der Binnenalster. Die Passanten auf dem Jungfernstieg haben es nicht eilig. Sie schlendern an Marionetten vorbei, die an der Hand eines Händlers tanzen. Sie scharen sich um einen Gaukler, der ein großes Orchester zum Einsatz bringt, das ihm mit Schellen, Trommeln und Mundharmonika auf den Leib geschnallt ist. Die Leute lachen und klatschen, die Gesichter dem Vergnügen offen, die Mäntel der letzten Wärme.

Wer von ihnen um die nächste Ecke biegt, den trifft plötzlich ein eisiger Hauch. Dunkel wird’s, Rauhreif glänzt fahl am Boden. Kleine Tannengruppen drängen sich zusammen, als wollten sie zurückweichen vor der Schneemanschette. Frischgrün noch trotzen die Äste dem weißen Pulver, das sich zwischen die Nadeln drängt, doch schon droht von oben der nächste kalte Schub – Schneematsch tropft von der Hauswand. Was ist passiert? Ein atmosphärischer Umschwung, vor dem Frau Dr. Wege vom ZDF vergaß zu warnen?

Nein ‚ dies ist keine Laune der Natur, sondern eine der Jones Lang Wotton GmbH. Als Verwalterin der Jungfernstieg-Passage im Hamburger Hof bestimmt sie hier nicht nur die Ladenmieten, sondern auch die Jahreszeit. "Der dritte Winter im Hamburger Hof bricht früh herein.. .!" so lautete ihr Wunsch. Dem Künstler Hilko Hamann war er Befehl, den er mit seinem Team über Nacht zur kalten Wirklichkeit werden ließ.

Über 200 Bäume schleppten sie heran. Sie sägten und hämmerten, sie rückten und klopften, sie stäubten und frosteten, und siehe da, über Nacht war das Kunstwerk vollbracht: Winter im Hamburger Hof, mit einem "festlichen amerikanischen Touch", stellten die Auftraggeber zufrieden fest.

Verwandlungen sind nun dem fast 100 Jahre alten Gebäude nichts Neues, nur die trutzige Fassade überlebte sie ungerührt. Durch ihre breiten Rundbögen zogen immer wieder neue Gäste ein. Die ersten logierten nur auf der Durchreise im Hamburger Hof, später richteten sich hier verschiedene Firmen häuslich ein. Heute wird in den unteren Stockwerken die ehemalige Bürowelt von verwinkelten Wegen durchkreuzt. Wer sich ihnen überläßt, hier ein Treppchen hochsteigt, dort sieben rollende Stufen hinuntergleitet, mal links abbiegt, mal rechts, landet nicht mehr vor Schreibtischen oder Wänden mit Aktenordnern. Sein Fuß wird vor glänzenden Scheiben stocken, hinter denen sich vielleicht ein Porzellanzebra räkelt oder chinesische Seidenteppiche im künstlichen Licht schimmern. Eine Altistin zaubert flammende Farben auf feines Tuch, einer Galerie von Pfeifen entsteigt scharfgeschnittener Papierrauch, der in hohen DM-Beträgen beziffert ist. "Das Schaufenster enthält Märchen für Erwachsene", schreibt Klaus Strohmeyer in seinem Buch Warenhäuser. Die Märchen, die sie in der Jungfernstieg-Passage erzählen, sind Träume vom Luxus.

Die verschlungenen Wege sind nicht mehr die zufällig chaotischen des Marktes, sondern erinnern eher schon an die abgezirkelten zurechtgestutzten Hecken eines feudalen Irrgartens. "Corriger la nature" ist wie eh und je die Devise derer, die das elegante Freizeitvergnügen planen.