Nürnberg im November: Sprühregen lackiert das Pflaster und die steilen Dächer der Altstadt, verschleiert den klassischen Blick hinauf zur Burg. Auf der Pegnitz raufen die Enten mit den Möwen um Brotstücke, die Kinder von der Fleischbrücke werfen. Und draußen, im Stadion am Valznerweiher, liegt der "Club" vor halbleeren Rängen noch immer mit 0:1 zurück, ein trostloses Spiel. Nur gut, daß es ein Heilig-Geist-Spital gibt, mit blankgescheuerten Holztischen, Brat- und Blutwürsten, mit Schützenscheiben an den Wänden und "Aischgründer Karpfen in Apfelkren". So wünscht man sich im November ein Wirtshaus, behaglich warm und ohne Ananasscheibe auf dem Schweinsbraten.

Mitten ins Wasser hat Hans Behaim den wuchtigen Spitalbau gesetzt, aus Sandsteinquadern, Holz und roten Ziegeln. Eine altfränkische Idylle ohne Pathos, bürgerlich vielmehr und Lehrstück für die Verbindung von Baukunst und Natur. Andere Großstädte haben ihr Zentrum zur Verwaltung und Bankenwüste verkommen lassen. Nicht so die Nürnberger, obwohl die alte Reichsstadt neben Dresden am fürchterlichsten unter dem Bombenhagel gelitten hat. Der Rat entschied sich für behutsamen Wiederaufbau. Vielleicht auch deshalb, weil Nürnberg nach 1945 endgültig den historischen Anspruch aufgeben mußte, Herz des Reiches oder gar – wie zu Dürers Zeiten – Europas zu sein.

Ob seine Bürger den tiefen Sturz aus großer Vergangenheit in eine spröde Gegenwart auch als solchen empfinden, läßt sich schwerlich feststellen. Dazu müßte man wohl am Ort geboren sein oder zumindest viele Jahre zwischen Burg und Rathaus gelebt haben, kritische Geister innerhalb des mittelalterlichen Mauerrings gibt es genug, die ihre Stadt nicht als lebendiges Museum akzeptieren. Aber im Gespräch mit dem Besucher wird von einer Identitätskrise nur selten etwas spürbar, bricht immer wieder der Stolz auf die Rettung der Altstadt durch.

Natürlich gibt es Park- und Hochhäuser, Bankfassaden aus Aluminium und eine steril aufgeputzte Fußgängerzone. Wie sollten die Laternen auch jene Patina besitzen, von der Nürnberg einst als Ganzes überzogen war. Dennoch: Es ist bewundernswert, mit welcher Liebe zum Detail gebaut und restauriert wurde, wie oft sich Idylle und Beschaulichkeit gegen bloßes Renditedenken durchsetzen konnten. Und wenn man die Bilder der Apokalypse von 1945 sieht, die ausgeglühten Gerippe der Prunkkirchen St. Lorenz und St. Sebaldus, dann mag man an ein Wunder glauben.

Nürnberg hat es schwerer als andere Städte. Die mächtige Handelsmetropole des späten Mittelalters fiel nach dem 30jährigen Krieg in einen langen Dornröschenschlaf, aus dem sie erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder erwachte. Ihre alte Bedeutung erlangte die Stadt allerdings nie wieder, zumal schon 1806 der Anschluß an Bayern erfolgt war. Von Macht und Reichtum ließ sich in den krummen Gassen also nur noch träumen. Daß dann plötzlich jemand kam und die alte Reichsherrlichkeit beschwor, mag vielen Nürnbergern durchaus geschmeichelt haben. Für Hitler bot die "deutscheste der deutschen Städte" eine ideale Kulisse, um seine Parteitage in Szene zu setzen. Dabei war Nürnberg vor 1933 keineswegs eine Hochburg der NSDAP gewesen, vielmehr galt der Rat traditionell als "rot" und tolerant. Wenn man so will, wurde die Stadt ein Opfer ihrer glorreichen Vergangenheit. Wo anders hätte das tausendjährige Reich eine bessere Legitimation finden können?

Im Südosten Nürnbergs entstand das Reichsparteitagsgelände mit seinen Kolossalbauten, bestimmt für die Ewigkeit und nie vollendet. Es mag als traurige Ironie gelten, daß zwar die Kunstwerke der Altstadt in Schutt und Asche fielen, Speers Zyklopenarchitektur dagegen das Bombeninferno fast unbeschädigt überstand. Ich gebe gern zu, daß mich der Torso des Nazi-Kolosseums nicht unberührt gelassen hat. Granit und Beton des riesigen Hufeisens strahlen eine Kälte aus, die leicht mit Größe verwechselt werden kann.

Als Menetekel des Bösen taugen die Bauten am Dutzendteich allemal, auch wenn sich die Stadt mit dem architektonischen Erbe des Führers recht schwer tut. Zwanzig Millionen Mark sollte schon in den fünfziger Jahren die restlose Beseitigung der Kongreßhalle kosten. Gott sei Dank war niemand bereit, diese Summe auszugeben, wobei fränkische Sparsamkeit das Hauptmotiv gewesen sein mag. Denn mit Dynamit – wir wissen es – ist weder der Geschichte noch den sie tragenden Ideen beizukommen.