Die Versicherungswirtschaft lebt vom Vertrauen ihrer Kunden. Sie legt deshalb Wert auf die Feststellung, auch weiterhin eine Wachstumsbranche zu sein. Aber was haben ihre Aktionäre davon?

Nach den Berechnungen der Börsenanalysten hat sich die Ertragslage der deutschen Sach- und Lebensversicherer in diesem Jahr deutlich gebessert. Das mutet seltsam an, wenn gleichzeitig bekannt wird, daß das Bild der Branche durch eine weitere Verschlechterung des Schadenverlaufs in der Sachversicherung empfindlich getrübt wird. Großbrände, steigende Kriminalität, höhere Haftpflichtschäden und Prozeßkosten in der Schadenversicherung werden dazu führen, daß das versicherungstechnische Ergebnis bei den meisten Versicherern negativ sein wird.

Das ist zwar betrüblich, aber nicht tragisch. Denn die eintretenden Einbußen können durch die steigenden Erträge aus den Vermögensanlagen gedeckt werden. Auch nach entsprechender Vorsorge bleibt für die Aktionäre etwas übrig. Ob dies jedoch in höheren Ausschüttungen zum Ausdruck kommen wird, ist zu bezweifeln. Mit Dividendenaufstockungen tun sich die meisten Vorstände schwer. Einmal fürchten sie den Ärger, den sie bekommen, wenn die Aktionäre in einem schlechten Jahr wieder weniger erhalten, zum anderen erschweren Dividendenaufstockungen die „Sanierungsverhandlungen“, die in schöner Regelmäßigkeit mit der Kundschaft geführt werden und die Prämienanhebungen zum Ziele haben.

Aber wer Versicherungsaktien erwirbt, tut dies ohnehin nicht wegen der bei ihnen erzielbaren Rendite. Unsere Tabelle „Ausgewählte Versicherungs-Aktien“, meine verehrten Leser, läßt erkennen, daß ein Satz von mehr als drei Prozent nur in wenigen Fällen erreichbar ist. Versicherungsaktien müssen unter dem Aspekt einer zwar schwankenden, aber letztlich doch nachhaltig guten Ertragslage der Unternehmen gesehen werden, deren stetiges Wachstum von Zeit zu Zeit Kapitalerhöhungen notwendig macht. Und sie werden vielfach zu günstigen Konditionen für die Aktionäre vorgenommen, wobei offen bleiben kann, ob Rücksicht auf die meist vorhandenen Großaktionäre genommen werden muß oder ob dies tatsächlich als Ausgleich für ungenügende Ausschüttungen gedacht ist.

Bei den Lebensversicherungen spielt die Stetigkeit der Ertragslage die Hauptrolle. Die Gesamtrendite bleibt meist unter einem Prozent. Zwar hat 1982 die Zahl der neu abgeschlossenen Lebensversicherungen etwas abgenommen, aber der Vorsorgegedanke ist intakt geblieben. Ohne Zweifel profitiert die private Lebensversicherung von den ständigen Diskussionen über die Schwierigkeiten, in denen sich die Sozialversicherung befindet.

Lebensversicherung?-Aktien gelten als krisensicher, Die Versicherten brauchen sich dank einer effizienten staatlichen Aufsicht um die jederzeitige Erfüllbarkeit ihrer Ansprüche keine Sorgen zu machen – und diese Aufsicht kommt letztlich den Aktionären der Lebensversicherungen ebenfalls zugute, auch wenn diese natürlich für Fehler der Vorstände ihren Kopf hinhalten müssen. Doch solche gravierenden Fehlleistungen sind im Lebensversicherungsbereich bislang selten geblieben.

Vermögensverwaltungen, die eine sich weltweit entwickelnde Wirtschaftskrise befürchten, bevorzugen nicht ohne Grund Aktien erstklassiger Lebensversicherer, Es gibt zu denken, wenn vor den Augen der Manager des in Holland ansässigen internationalen Investmentfonds Esmeralda keine deutsche Industrieaktie mehr Gnade findet, dafür aber die Papiere der Aachen-Münchener Beteiligung, der Aachen-Münchener Versicherung, der Allianz Versicherung und der Allianz Lebensversicherung sowie der Münchener Rückversicherung.