Es war kein Arzt und kein Anatom, der erstmals den Sehvorgang des Menschen richtig deutete. Vielmehr erkannte der studierte Theologe und spätere Mathematiker Johannes Kepler im Jahr 1583, daß es sich beim Sehen um einen Vorgang der Lichtbrechung handeln müsse Wie bei einer Lochkamera (Camera obscura) wird auf die Netzhaut ein Bild „gemalt“. Kepler war selbst kurzsichtig und befaßte sich wohl deshalb neben der Erforschung des Himmels mit dem Fernrohr auch mit der Optik des menschlichen Auges. Offenbar sah er den Ärzten ihre Unkenntnis nach, wenn er sagte: „Sie haben die Sache so gut begriffen, wie man es eben von einem Mediziner erwarten kann“.

Trotz der bahnbrechenden Erkenntnis Keplers dauerte es noch 300 Jahre, bis sich eine moderne, naturwissenschaftlich begründete Augenheilkunde entwickelte. Der Augenspiegel des Physikers und Physiologen Hermann von Helmholtz machte 1850 das menschliche Auge für den Forscher zugänglich. Helmholtz, der das Auge ein physikalisch unvollkommenes Instrument nannte, ahnte damals noch nicht, daß unser Sehorgan durch den angeschlossenen Computer Gehirn zu einem hochkomplizierten Wahrnehmungsapparat wird.

Erst jetzt erkennen die Wissenschaftler, daß viel mehr Regionen im Gehirn mit dem Sehvorgang befaßt sind als bisher angenommen wurde. An sieben verschiedene Zentren auf der Großhirnrinde wird das auf die Netzhaut projizierte Bild weitergeleitet. Von diesen Regionen, in denen 60 Prozent der Nervenzellen des Gehirns liegen, werden so verschiedene Vorgänge wie Bewegungsabläufe oder biologische Tagesrhythmen gesteuert.

Wie unlängst in München bei einem Kongreß der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft – Tagungsthema: „Auge und Zentralnervensystem“ – zu hören war, dürfte es noch zehn weitere Sehregionen auf der Hirnrinde geben, die getrennt Wahrnehmungen verarbeiten. So ist eine Region für räumliches Tiefensehen zuständig, eine andere für Farbensehen oder für die Wahrnehmung von Bewegungen. Sogar für das Wiedererkennen von Gesichtern ist eine bestimmte Region der Hirnrinde verantwortlich.

Außerdem entdeckten die Augenforscher in der Großhirnrinde Zentren, in denen entschieden wird, ob ein visueller Reiz beachtet werden muß oder nicht. So wird erklärlich, weshalb ein Autofahrer im dichten Straßenverkehr durchaus seine neueste Freundin übersehen kann.

Reize, die in einem bestimmten Verhältnis zum Mund oder zur Hand ablaufen, werden ebenfalls von gesonderten Zentren verarbeitet. Auch in anderen Hirnarealen wie im Limbischen System, das die gefühlsmäßigen Reaktionen steuert, und im Hypothalamus, der als übergeordnetes Zentrum Kreislauf, Atmung und Appetit reguliert, liegen noch wenig erforschte Zentren, die für das Sehen verantwortlich sind. Vielleicht ist das Sehzentrum, im Hypothalamus schuld, daß wir appetitlich hergerichteten Speisen so wenig widerstehen können?

Die Eindrücke der sichtbaren Welt, die wir über unsere Augen aufnehmen, werden also an mehrere Gehirnregionen geleitet und in Teilinformationen zerlegt. Dabei nehmen nicht etwa hochspezialisierte Nervenzellen bestimmte Merkmalskombinationen auf, sondern ein Ensemble untereinander verkoppelter Nervenzellen.