Wochenlang hat uns die FDP mit ihrem Wende-Drama in Atem gehalten. "Was soll ich tun?" Der tragische Held Genscher hat seine Schicksalsfrage gestellt und beantwortet. Der Berliner Parteitag der Liberalen brachte das vorläufige Ende. Vorhang zu also – und ziemlich viele Fragen offen.

Zu den Darstellern, die Phantasie und Bewunderung erregt haben, gehörten die Frauen der Partei. Seit die sieben (von insgesamt acht) weiblichen Fraktionsmitglieder der FDP im Bundestag gegen Genschers Kurswechsel gestimmt hatten, wußten die Zuschauer wieder, daß es noch andere Werte im politischen Leben gibt als Taktik und kurzfristigen Vorteil. Der Mut der sieben und ihre Konsequenz, ihr Charakter und ihre Glaubwürdigkeit, ihre Ehrlichkeit und ihre Treue überzeugten die vielen, die schon lange wieder einmal hatten wissen wollen, was eine liberale Haltung Heute eigentlich noch ist.

Als Helmut Schmidt in seiner letzten Rede als Bundeskanzler dann auch noch seinen "Respekt vor den wackeren Frauen der FDP-Fraktion" im Bundestag zu Protokoll gab, hatten sie den offiziellen Segen. Von den Medien wurden sie in Windeseile als Heldinnen aufs Podest gestellt. Da stehen sie nun.

Und was jetzt? Soll das schon alles sein? Idealisten werden sich von der Darstellung der mit knatternden Fahnen untergehenden Frauen das Herz wärmen lassen: Endlich sind da wieder Menschen, die Zeugnis ablegen. Pragmatiker aber fragen sich, warum es Frauen so schwerfällt, das Podest, auf das sie gestellt wurden, wieder zu räumen, statt wie bestellt und nicht abgeholt darauf stehen zu bleiben?

Männer sind viel schneller davon wieder heruntergeklettert und haben die Kurve viel besser genommen: Andreas von Schoeler, der ehemalige Staatssekretär im Innenministerium, der so dachte wie die Frauen und sich fast genauso exponierte wie sie, ist in die Kompanie zurückgetreten. Seiner Glaubwürdigkeit versetzte das nur einen ganz kleinen Kratzer. Auch Günter Verheugen, Genschers ehemaliger Generalsekretär, überstand mit Anstand. Sind Männer wendiger in ihrer Loyalität?

Von den prominenten FDP-Frauen ist Hildegard Hamm-Brücher die einzige, die Kurven auch nehmen kann. Sie hat es in einem langen Politiker-Leben gelernt und ist trotzdem glaubwürdig geblieben. Sie wird, sagt sie, weiter in der Partei kämpfen: "Das alte Schlachtroß steht vom Stroh wieder auf, wenn das Signal ertönt." Auch das ist Treue.

Und Ingrid Matthäus-Maier? Von ihr ist dasWort überliefert: "Genscher verlangt von mir eine höhere Loyalität ihm gegenüber als dem Wähler. Das darf er nicht: Ihm werde ich nicht folgen." Jetzt will sie in die SPD eintreten. Über soviel Konsequenz läßt sich nicht mehr streiten: Sie ist nur noch zu bewundern. Aber auch als Parlamentarierin und Vorsitzende des Finanzausschusses war Ingrid Matthäus-Maier ein schöner und ein ermutigender Anblick. Sie gehörte zu den Frauen, die nicht mehr auf eine spezifisch weibliche Rolle festzulegen waren. Das hatten ihnen ihre Mütter, auch ihre Vorgängerinnen in der FDP erspart, die den ersten emanzipatorischen Schritt ins öffentliche Leben getan haben. In der zweiten Generation konnten Ingrid Matthäus-Maier und Helga Schuchardt schon auf verarbeitete Erfahrung und angesammelte Substanz zurückgreifen.