ARD, Montag, 22. November, 16.15 Uhr: Trude und Christa – Zwei Hamburger Volksschauspielerinnen erzählen“, von Horst Königstein

Sie sind Hamburger Lokalgrößen, Trade und Christa. Und wenn ihre Nachnamen im Titel des Fernsehfilms von Horst Königstein fehlen, dann ist das keinesfalls Geringschätzung, vielmehr eine Verbeugung vor diesen beiden Frauen, die fast drei Jahrzehnte lang das Hamburger St.-Pauli-Theater entscheidend mitprägten.

Trude Possehl, die heute über achtzigjährige Schauspielerin, war auf dieser Volksbühne unzählige Male als Putzfrau, Klofrau oder vornehm-naive Bürgersfrau zu sehen, die in Plattdeutsch, Missingsch oder in steifem Hamburger Tonfall das Publikum begeisterte. Die Volksbühne war die letzte Station ihres langen Theaterlebens (seit 1956 spielt sie nicht mehr), das Revue und Wanderbühne ebenso einschloß wie klassisches und expressionistisches Theater. Selbst einem politischen Straßentheater hat sie in den frühen dreißiger Jahren angehört. Ihre Rollen am St.-Pauli-Theater hat sie geliebt. Eine Traumrolle spukt ihr dennoch im Kopf: die einer Stadtstreicherin. Und wenn sie von diesem Traum redet und dabei gestikuliert, läßt sie die Figur lebendig werden.

Christa Siems’ Weg zur Volksbühne war geradliniger. Bereits mit achtzehn wüßte sie, was sie wollte: „komische Alte“ werden. In den dreißiger Jahren spielte die heute 65jährige Schauspielerin in der norddeutschen Provinz, und seit 1946 ist sie am St.-Pauli-Theater. Sie nennt sich selbst eine drastische Komikerin. Aber auch leise Töne scheinen ihr nicht fremd zu sein. Das jedenfalls beweist eine kleine Szene, die sie aus dem erfolgreichen Stück „Zitronenjette“ vorspielt.

Der Film „Trade und Christa“ ist ein liebevolles Porträt der beiden Volksschauspielerinnen, aber er ist noch mehr. Horst Königstein, der schon seit langem in Hamburg, vor allem in Altona, Spurensicherung betreibt, erzählt mit der Geschichte der Frauen zugleich die Geschichte des Theaters und des Stadtteils St. Pauli. Schwarzweiß-Photos des alten St. Pauli werden kontrastiert mit Impressionen vom Stadtteil heute. Trotz der stimmungsvollen Bilder (der Blick an einem regengrauen Tag hinunter zum Hafen, die gar nicht großstädtischen, bunt gestrichenen Häuser), trotz des sanft-wehmütigen Liedes „Eine kleine Sehnsucht braucht jeder zum Glücklichsein“, das zu den Bildern leise ertönt, verliert sich Königstein durchaus nicht in Nostalgie. Er weist auf die Bedrohung dieses Stadtteils hin, wo seit langem schon Häuser abgerissen werden und die nicht eben behutsame Sanierung kaum mehr aufzuhalten ist.

Das St.-Pauli-Theater aber steht noch. Seit 139 Jahren wird dort Volkstheater gemacht. Possen, Schwänke, Vaudeville, Romantisch-Komisches und Stücke mit Lokalkolorit boten immer wieder Stoff zum Lachen. Horst Königstein hat die beiden Schauspielerinnen in das Theater, in „ihr“ Theater gebeten, um die Atmosphäre wieder lebendig werden zu lassen, die sie früher täglich umgab. Und in der Garderobe erzählen sie laut, lebendig und nicht ohne Selbstironie von Kindheit und Karriere, unterhalten sich zuweilen so, als seien Filmemacher und Kamera gar nicht vorhanden. Und wenn sie noch einmal auf der Bühne stehen und Szenen aus ihren Erfolgsstücken spielen, dann ist da immer noch ihre vitale Lust am Spiel und ihr unverstellter Sinn für derbe Komik. Als Künstlerinnen freilich verstehen sie sich nicht. Dazu, finden sie, sind sie zu bürgerlich.

„Trade und Christa“ ist ein Porträt, wie man es sich wünscht, amüsant, kurzweilig und erhellend. Anne Frederiksen