Wer in Rom den Vatikanspalast bewundert, den Wohnsitz des Papstes bei der Peterskirche, der schon vor drei, vier Jahrhunderten zum größten Palast der Welt ausgebaut wurde, der wird kaum auf den Gedanken kommen können, daß dieser ganzen vatikanischen Herrlichkeit mit dem einstmals riesigen Kirchenstaat und noch dessen heutigem Überbleibsel, dem Vatikanstaat, eine der größten Urkundenfälschungen zugrunde hegt. Die hier sichtbar gemachten, gleichsam in Stein verewigten Ansprüche des römischen Bistums auf das Primat vor allen Bistümern der Welt sind wirklich mit Hilfe jener Fälschung, der sogenannten "Konstantinischen Schenkung", durchgesetzt worden.

Die Konstantinische Schenkung, die dem Bischof von Rom nicht allein kaiserliche Abzeichen zugesteht, sondern darüber hinaus für jene Zeit – es war das 8. Jahrhundert – geradezu ungeheuerliche Rechte und Besitztümer garantierte, ist die wohl berühmteste und folgenreichste mittelalterliche Fälschung. Sie wurde um 750 von der Kurie angefertigt, und sie war eigentlich der Auftakt zu den zahllosen Fälschungen des ganzen Zeitalters. Bis dahin waren Fälschungen im Abendland nicht üblich gewesen. Man kannte sie nur von den Griechen. Über die "Betrügereien der Griechen" hatte sich gerade die Kurie immer sehr abfällig geäußert. Nun aber griff sie selber zu diesem Mittel, und zwar gleich in ganz großem Stil.

Zwar fiel diese erste umfangreiche Fälschung ohne jede Eleganz aus – sie war im Gegenteil überaus plump, so daß sie schon bald durchschaut wurde –, aber sie enthielt gewaltige Ansprüche. Die Kurie hat die in dieser "Urkunde" gegebenen Privilegien mit unglaublicher Zähigkeit immer wieder beansprucht, bis an die Schwelle der Gegenwart und mit Erfolg – obgleich auch sie selbst längst eingestanden hat, daß die Konstantinische Schenkung eine Fälschung war.

Vermutlich wurde sie schon Pippin vorgelegt, dem ersten König des geeinten Frankenreichs und Vater Karls des Großen. Papst Stefan II. hatte Pippin gegen die Langobarden, die von Noraitalien immer weiter gegen Rom vorrückten und ihn bedrohten, zu Hilfe gerufen. Pippin war der mächtigste Mann im Abendland. Außer dem Frankenreich, das er gerade geeint hatte, und den aggressiven Langobarden waren die Völker Europas zersplittert. Der Kaiser des Römischen Reiches residierte schon lange nicht mehr in Rom, sondern in Byzanz-Konstantinopel. Als erster war Konstantin der Große dorthin übergewechselt. Nach ihm wurde Byzanz, das er zur Hauptstadt des Römischen Reiches machte, Konstantinopel genannt. Konstantin war auch der erste römische Kaiser, der zum Christentum übertrat. Das war im 4. Jahrhundert gewesen. Auf ihn berief man sich in der "Konstantinischen Schenkung".

Die Fälschung wurde als ein Erlaß Konstantins an Papst Silvester und alle katholischen Bischöfe aufgesetzt. Der Fälscher ließ darin den Kaiser ausführlich schildern, wie er durch Silvester vom Aussatz geheilt und zum christlichen Glauben bekehrt und dann getauft worden sei. Zum Dank habe er die römische Kirche über sein eigenes Kaisertum erhöht und den Bischof von Rom zum Fürsten über alle Bischöfe der Welt und zum Richter in allen Fragen des Glaubens und Gottesdienstes gemacht.

Auch habe er der römischen Kirche die Stadt Rom "und alle Provinzen Italiens und der westlichen Lande" als Eigentum überlassen, während er selber, der Kaiser, sich in den Osten des Reiches und seine neue Hauptstadt Byzanz zurückziehe; "denn es ist nicht recht", heißt es dann wörtlich, "daß ein irdischer Herrscher dort Gewalt habe, wo vom himmlischen Herrscher der Fürst der Bischöfe und das Haupt der Christenheit eingesetzt ist."

Trotz der offensichtlichen Plumpheit dieser Fälschung dauerte es doch rund 700 Jahre, bis der Humanist Lorenzo Valla, Domherr am Lateran und päpstlicher Sekretär, sie als Fälschung endgültig entlarvte. Ulrich von Hutten, deutscher Reichsritter und Humanist, ließ Lorenzo Vallas Schrift über die Konstantinische Schenkung im Jahre 1519 drucken. Zu jener Zeit hatte die Fälschung ihre Absicht schon erreicht.