Das glückliche Österreich hatte, als das Dritte Reich zusammenbrach, Glück im Unglück. Der Krieg, den die Deutschen begonnen hatten, war zu Ende. Das Land, das die Deutschen besetzt hatten, war frei. Österreich war wieder Österreich, und den Nationalsozialismus hatte es nie gegeben. Das war eine deutsche Angelegenheit. Die Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit hielt sich in bescheidenen Grenzen. Es gab ja auch keinen zwingenden Grund dafür, Wer dennoch darauf bestand, stieß im glücklichen Österreich auf eisiges Schweigen. Wer damit nicht zufrieden war, der konnte woanders hingehen.

Davon erzählt die amerikanische Schriftstellerin Ingeborg Day in ihrem Buch "Ghost Waltz", erschienen 1980 bei Viking Press, New York. Ingeborg Day wurde 1940 in Graz geboren. Als 17jährige erhält sie ein Stipendium für Amerika, Sie kehrt noch einmal zurück, macht das Abitur, sucht die Auseinandersetzung mit den Eltern. Als sie auf ihre Fragen "Wie war es damals? Was habt ihr getan?" keine Antwort erhält, geht sie endgültig nach Amerika.

Irgendwann liest sie John Tolands Buch über Hitler. Sie findet dort das Horst-Wessel-Lied zitiert. Und plötzlich, ohne es zu wollen, kommen ihr Text und Melodie in den Sinn. Sie kennt das Lied. Sie weiß: Nach 1945 wurde es nicht mehr gesungen. Sie fragt sich: "Wer wiegte mich mit SA-Liedern in den Schlaf, bevor ich vier war?" Sie sucht in ihrem Kopf nach den Resten des Giftes, das ihr eingeflößt worden war. So entsteht ihr Buch.

Als Ingeborg Day jetzt auf dem Grazer Literatursymposion war, eingeladen als eine von insgesamt acht nordamerikanischen Autorinnen und Autoren, las sie aus dem "Ghost Waltz", mit dem Gestenreichtum, mit der munterklingenden Intonation der amerikanischen Sprache, aber mit einer nervösen, zitternden, gebrochenen Stimme. Diese Wiederbegegnung mit der Vergangenheit, am Ort dieser Vergangenheit, hatte etwas Bestürzendes, für dieses Literatursymposion Bezeichnendes.

Es war, als brächten die amerikanischen Schriftsteller Licht in das manchmal finstere, zerstrittene, widersprüchliche Graz, In der ehemaligen Hochburg der österreichischen Nazis entstand Anfang der sechziger Jahre das Forum Stadtpark, ein Treffpunkt avantgardistischer Schriftsteller und Künstler, die mit ihrer Kunst Widerstand leisteten gegen das Einverständnis aus Bonhomie und politischer Reaktion. Auf den Literatursymposien, die das Forum Stadtpark jährlich veranstaltet, brach dieser Konflikt nicht selten offen hervor, Er setzte künstlerische Prozesse in Gang, machte Graz zur "Hauptstadt der österreichischen Gegenwartsliteratur", er gab dieser Literatur aber auch einen Hauch des Unfrohen, Melancholischen.

Man merkt das erst richtig, wenn plötzlich in Graz die gutgelaunten literarischen Entertainer aus der Neuen Welt auftreten. Ob humoristisch wie John Hawkes, sarkastisch wie Grace Paley, ob mit dem freien Atem weltläufiger Intellektualität wie John Ashbery oder mit der Lust am Grotesken und Barocken wie William Gass – immer klang das ein bißchen unbekümmert und verwegen. Selten hatte es die Tiefe und die Poesie der österreichischen und auch der deutschen Literatur. Aber so unterschiedlich, die gelesenen Texte auch waren: Aus ihnen wehte ein anderer, freierer Wind. Das zahlreiche, vorwiegend studentische Publikum dankte es mit freundlicher, zu jeder Zeit zum Lachen bereiter Aufmerksamkeit. Die deutschen Interpreten und Übersetzer, Marianne Frisch, Hanna Johannsen, Jürg Laederach, Klaus Reichert, Klaus Hoffer und Bernd Cailloux hatten nur geringe Mühe, ihre Klienten den Zuhörern zu empfehlen.

Aber es gab nicht nur Heiteres und Komisches. Das alte, müde Europa ist der amerikanischen Literatur ein willkommener Gegenstand des Spotts und der Kritik, Walter Abish, dessen Roman "How German is it" eben auf deutsch erschienen ist (siehe die Rezension von Michael Krüger, ZEIT Nr. 46), macht aus Deutschland einen gespenstischen Witz; Mark Mirsky erzählt vom Schicksal jüdischer Auswanderer und Emigranten, und in dem neuen Romanprojekt von William Gass spielt ein deutscher Faschist die Hauptrolle.

Solche. Literatur, die mit journalistischem Zugriff die Gegenwart illuminiert, ist in Graz, wie in der deutschsprachiger Literatur überhaupt, eher selten. In Amerika hängt, wie Bernd Cailloux in seinem Referat sagte, der Heiligenschein der Literatur niedriger. Ulrich Greiner