Der Farmer Will Purvis war wegen Mordes zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Als Purvis vom Priester die letzte Tröstung empfing, schrie er den Schaulustigen, die um den Hinrichtungsplatz herumstanden, in letzter Not zu: "Ihr tötet einen Unschuldigen!" Dann knüpfte der Henker den Strick um den Hals. Doch als die Falltür in die Tiefe krachte, löste sich der Knoten: Purvis fiel unverletzt auf den Bretterboden. Der Menge bemächtigte sich ungeheure Erregung. Der Priester sprang vor und rief den Zuschauern zu, wer nun gegen die Hinrichtung sei, solle die Hand erheben. Per Volksabstimmung wurde die Hinrichtung abgelehnt. Purvis wurde in der Nacht darauf aus dem Gefängnis befreit, obwohl der Oberste Gerichtshof von Mississippi das Todesurteil inzwischen noch einmal bestätigt hatte. Später gestand ein anderer Mann, daß er den Mord begangen habe. Purvis wurde rehabilitiert.

Diesen atemberaubenden Fall erzählt der frühere Berliner Anwalt Arthur Brandt in einer beklemmenden Fallsammlung von Justizirrtümern:

Arthur Brandt: "Unschuldig verurteilt. Richter sind nicht unfehlbar"; Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien, 1982, 160 S., 20,– DM.

Fünfundzwanzig Beispiele für erwiesene Irrtümer der internationalen Strafjustiz, davon besonders ausführlich den Justizmord nach der Entführung des Lindbergh-Babys, hat Brandt in dem Buch vereint; einige unveröffentlichte sind darunter. Mit wenigen Strichen, in knapper Sprache und sehr dicht, aber überall verständlich, schildert Brandt Falle aus elf Ländern mit hochstehender, differenzierter Kriminaljustiz. Nicht viele sind von solcher Dramatik und Überzeugungskraft wie der Fall des Farmers Purvis; aber alle zeigen überdeutlich, zu welch törichten, grotesken und meist vermeidbaren Irrtümern Richter und Staatsanwälte in aller Welt fähig sind. Falsche Spuren, fehlerhafte Schlüsse der Ermittlungsbehörden, irrende oder lügenhafte Zeugen, falsche Geständnisse, nicht zuletzt Vor-Urteile der Medien, mangelnde Gründlichkeit der Polizei – das alles kann zu menschlichen und justitiellen Katastrophen führen.

Arthur Brandts Buch ist denn auch vor allem ein Plädoyer gegen die Todesstrafe, die in den Vereinigten Staaten wieder im Vordringen ist. Der Verfasser, Sozius des in der Weimarer Zeit berühmten Anwaltbüros Alsberg-Frey-Brandt, führt mit diesem späten Buch die Tradition seines Freundes Max Alsberg fort, der bereits 1913 "Justizirrtum und Wiederaufnahmeverfahren" veröffentlichte. Brandt hat neben seine Fallsammlung einen kleinen theoretischen Abriß gestellt: "Von den Ursachen der Justizirrtümer". In ihm faßt er, besonders für den Nichtjuristen verständlich, die hauptsächlichen Mängel manches Strafprozesses zusammen.

In der Bundesrepublik rennt Brandt, soweit es um das Bewußtsein des Juristenstandes von der gelegentlichen Fehlerhaftigkeit seiner Arbeit geht, offene Türen ein. Zwar ist die Neigung zum Wiederaufnahmeverfahren noch beklagenswert gering, aber die Möglichkeit von Justizirrtümern wird in Praxis und Theorie heute noch viel ernster genommen als früher. Den wissenschaftlichen Stand der Dinge hat der Tübinger Strafrechtslehrer Karl Peters ausführlich in seinem bewundernswerten dreibändigen Werk "Fehlerquellen im Strafprozeß" beschrieben (Verlag C. F. Müller in Karlsruhe). Arthur Brandts Buch ist dazu die bildhafte und kurze Entsprechung für Laien.

Kritisch ist anzumerken, daß Brandt oft sehr vereinfacht und nicht angibt, woher sein Material stammt. Als Inkonsequenz erscheint, daß Brandt seinem Plädoyer gegen die Todesstrafe am Ende die Spitze abbricht, indem er nämlich eine Art bedingte Todesstrafe für Terroristen befürwortet: Freie Terroristen sollen mit der Hinrichtung ihrer verurteilten Kumpane rechnen müssen, wenn sie Menschenleben angreifen. Das ist nicht durchdacht. Daß ein Bürger nicht von seinem Staat getötet werden darf, ist ein Menschenrecht, eine nicht durchbrechbare Verpflichtung, die nicht ad hoc auch mal negiert werden darf.

Hanno Kühnert