Von Wilhelm Raimund Beyer

Die Berechtigung, zu diesem Thema vordringlich und gerade jetzt zu sprechen, leite ich aus folgenden Gegebenheiten

1. Ich war selbst im Kessel von Stalingrad von den Einschließungskämpfen im November 1942 an bis zum Abflug des allerletzten Flugzeuges aus Pitomnik (am 11. Januar 1943).

2. Ich war. als einfacher Schütze, als soldat deuxieme classe oder – wie es in der Landsersprache hieß – als „Schütze Arsch“ mit hellen Ohren und wachen Augen dabei.

3. Ich war von Bolsche Nabatowskij (am rechten Don-Ufer) aus mit dem letzten Nachschubbataillon, das vor allem aus Vorbestraften, Bewährungsbedürftigen und sonstigen zweitklassigen Soldaten bestand, in den sich bildenden Kessel über eine Behelfsbrücke einmarschiert. Am Tage vorher hatte der Kommandeur der 76. Infanteriedivision, Generalleutnant Rodenburg, auf freiem Felde bei kalter Sonne, aber noch ohne Schnee, unser Bataillon mit einer schneidigen Rede in Empfang genommen. Wir waren wochenlang unterwegs gewesen, ab Potsdam immer in gleicher Richtung nach Osten bis zum Don. Wegen seines Monokels nannten sie den General „Scherbenkarl“. Ich entsinne mich noch heute eines Satzes seiner Rede: „Wer sich davonschleicht, wenn feindliche Panzer kommen, der ist ein Schweinehund. Nur der ist kein Schweinehund, der sich überrollen läßt, dann aufsteht und von hinten den Panzer bekämpft.“

Im Lazarett, als der Kampf um Stalingrad beendet war, hörten wir, daß alle Generäle, Paulus und auch Rodenburg, nicht lebend in die Hand des Feindes gefallen waren, sondern sich bei der Gefangennahme selbst erschossen hatten. Wir glaubten dies. Wir nahmen es eigentlich als selbstverständlich an. Später vernahmen wir zum größten Erstaunen, daß weder Paulus noch der „Scherbenkarl“ Selbstmord begangen, sondern die Gefangenschaft überstanden hatten. Wer war nun da der „Schweinehund“?

Es muß am 17. oder 18. November 1942 gewesen sein, als wir bei Beginn der Dämmerung über den Don marschierten. Eine Behelfsbrücke, von Pionieren gebaut, schmal. Auf der anderen Seite zogen SS-Truppen aus dem sich bildenden Kessel heraus, wir hinein. Lange Dreier-Reihe. Als wir merkten, daß diese Elitetruppe heraus- und wir armseligen „Schützen Arsch“ hineingezogen wurden, sank die Stimmung weiter.