Es wird natürlich nicht gelingen, das Wort "unverzichtbar" wieder auszurotten, nachdem es bereits in der FAZ gestanden hat: "Bindungen Berlins an den Bund unverzichtbar." Zu tief schon hat sich das in den beteuernden Sprachgebrauch eingefressen, der immer übertreiben muß. Sagen wir dennoch nicht, das Wort "unverzichtbar" sei unverzichtbar geworden.

Die Adjektivbildung auf -bar gehört zum Fortschritt abstrahierenden Denkens und hat sich als ganz nützlich erwiesen. Was wir sehen können, ist sichtbar. Was wir hören können, ist hörbar. Was wir erfahren können, ist erfahrbar. Was wir beweisen können, ist beweisbar.

Was wir verfügen können, ist verfügbar? Eben nicht. Das war der erste Sündenfall. Auch wer ein Ausgangsverbot verfügen kann, sagt nicht, das Ausgangsverbot sei verfügbar. Vielmehr spricht von "verfügbar" jemand, der eine Summe Geldes bereit hat, über die er verfügen kann.

Die Adjektive mit -bar bezeichnen jetzt also nicht mehr fein logisch, was wir im Akkusativ machen können, sondern auch, über was wir verfügen können. In der Sprache der Grammatiker ausgedrückt: ein intransitives Verb wird behandelt, als ob es transitiv wäre. Und nun gar "unverzichtbar".

In der Rechtssprache des Mittelalters wurde vom Verbum "verzeihen" das Substantiv "Verzicht" abgeleitet; es bedeutete das Aufgeben eines Rechtsanspruchs. Im 18. Jahrhundert konnte man das dann auch verbal ausdrücken: verzichten.

Erst in unserem Jahrhundert entstand und erst im letzten Jahrzehnt grassiert das Wort-Ungetüm "unverzichtbar", zu dem es ein Getüm "verzichtbar" nie gegeben hat. Nach der sprachlichen Logik von eßbar als dem, was du essen kannst, und trinkbar als dem, was du trinken kannst, wäre unverzichtbar das, was du unverzichten kannst.

Gewiß, Sprachen sind leider nicht immer logisch, aber "unverzichtbar" ist nicht nur ein Produkt fehlerhafter Logik, sondern ein Ausfluß persönlicher Feigheit. Da will es schon wieder jemand nicht gewesen sein. Der Postbeamte will ja in Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen Lage auf die nächste Gehaltserhöhung verzichten und der Oberstudienrat auch. Beiden jedoch sind die Hände gebunden, sobald diese Gehaltserhöhung "unverzichtbar" ist. Alle Beamten sind fein raus; es ist diese uneinsichtige Gehaltserhöhung, die den Verzicht verweigert, die nicht verzichtet werden kann, die unverzichtbar ist.

Daß es sich bei den von allen möglichen Rednern so gern beschworenen "unverzichtbaren" Dingen oft um Dinge handelt, auf die man auch ganz gut verzichten könnte, kommt freilich noch hinzu. Leo