Verweigern oder mitmachen: Die zerstrittene Partei vertagte alle wichtigen Entscheidungen

Von Horst Bieber

Hagen, im November

Dem Vorsitzenden des Kreisverbandes Hagen war "die Kinnlade aufs Knie gefallen", als er "zufällig" hörte, wo die Grünen ihren Bundesparteitag abhalten wollen. Ausgerechnet in der Stadthalle von Hagen, "die wir bis jetzt gemieden haben", weil sie, auf zwölf Millionen Mark Baukosten veranschlagt, zum Schluß vierzig Millionen gekostet habe. Dabei entsprach der Tagungsort auf vertrackte Art und Weise der Stimmungslage: giftgrüner Teppichboden, weitläufig und funktional, nicht verkleidete Stahlrohre für die Deckenkonstruktion, eine wenig überzeugende Mischung aus wohldurchdachter Zweckmäßigkeit und modernistischer Unfertigkeit.

Der Vertreter des nordrhein-westfälischen Landesverbandes ("Ich bin einer der ältesten Grünen überhaupt") lobte die "inzwischen gefestigte Partei" – magerer Beifall –, mahnte die 650 Delegierten aber, eingedenk "schlechter Erfahrungen", sich diesmal "besser zu behandeln" – starker Beifall – und Manipulationen wie internen Streit zu vermeiden – stürmischer Beifall. Manon Maren-Grisebach, eine der drei gleichberechtigten Sprecher der Grünen, forderte zur "alternativen Begrüßung" auf – "alle geben sich die Hand – so lange wir noch so friedlich sind". Ein fast prophetischer Satz. Denn vom vergangenen Freitag bis Sonntag, praktizierten die Grünen Unfrieden: Basis gegen Funktionäre, Linke gegen Rechte, Pragmatiker gegen Ideologen.

Das hatte nicht nur mit der üblichen Hektik, dem längst vertrauten Durcheinander zu tun. Wie gewohnt wurden keine Termini eingehalten, Tagesordnungspunkte gestrichen, mit Geschäftsorgnungsanträgen Sachdebatten abgewürgt oder wichtige Fragen beiläufig, in lautstarkem Durcheinander, so entschieden, daß Zweifel erlaubt sind, ob alle Delegierten sich der Tragweite ihrer Stimmabgabe bewußt waren. Solch’ nervenfressendes Chaos, vor dem auch die Präsidiumsmitglieder kapitulierten, wäre zu ertragen gewesen, wenn irgendwo ein Wille zur Gemeinsamkeit und zur Einigung existiert hätte. Doch Hagen wurde zum Parteitag der vertagten Entscheidungen. Die Grünen sind uneiniger denn je, als Bewegung diffus, als Partei nicht handlungsfähig.

Ein Delegierter hoffte seufzend – aber nur im privaten Gespräch – "auf die Gnade der 4,9 Prozent bei den nächsten Bundestagswahlen, damit wir die nächste Konsolidierungs-Krise überstehen". In einigen Punkten sind die Grünen freilich längst Partei geworden. Sie mauscheln und behandeln die Parteifreunde ("Hört doch endlich auf, euch mit Etiketten zu bewerfen!") zwar anders als die "etablierten Parteien", aber kein bißchen menschlicher oder toleranter. Und die Frauen, die sich mehrmals teils läppisch, teils zornig dagegen wehrten, untergebuttert zu werden, haben mittlerweile so wenig zu sagen wie in den anderen Parteien auch.