Das Arrangement wirkt, als habe jemand besonderen Sinn für Symbolik gehabt. In der quadratischen Halle 11 auf dem Düsseldorfer Messegelände sind die hundert Kojen der Kunsthändler gleichsam wie Jahresringe angelegt. Der äußere Kranz des "Internationalen Kunstmarktes" wird fast ausschließlich von den "Wilden" beherrscht, je mehr man sich der Mitte nähert, um so konzentrierter werden Angebot und Qualität. Paul Maenz, einer der ganz Großen im Geschäft mit der neuen Welle, sieht sich nun schön der "zweiten und dritten Generation" gegenüber und will auf dieser Messe sein "Erstgeburtsrecht" verteidigen. Seine beiden Mitstreiter und Konkurrenten, Konrad Fischer und Michael Werner, haben auf einen Stand in Düsseldorf verzichtet. Er habe "keine Lust", erklärte Fischer, ohne damit natürlich ein Fünkchen von der Wahrheit preisgegeben zu haben.

Die ist eher zu finden, wenn man die einschlägigen Kataloge der Mammutausstellungen dieses Jahres durchblättert: Biennale Venedig, documenta Kassel und Zeitgeist Berlin, die von den "Neuen Wilden" geprägt und überschwemmt waren. Maenz, Fischer und Werner haben praktisch alle die von ihnen vertretenen Künstler hier plazieren können, ein Werbeeffekt, den man selbst mit dem Etat einer Zigarettenfirma nicht hätte erreichen können. Das führt natürlich zu Spekulationen und Gerüchten. Von erheblichem Druck wird da gemunkelt, von "Paket-Arrangements" und Verweigerungen der Galerien, die ihre Künstler wieder fester an sich binden.

Zu beweisen ist das alles natürlich nicht. Schon immer haben Galerien ihren Einfluß auf große internationale Ausstellungen geltend zu machen gewußt. Man denke nur an die sogar direkte Beteiligung von Galeristen, etwa Stünke aus Köln, an früheren documenta-Ausstellungen in Kassel. Was an dieser neuesten "Welle" irritiert, ist das anhaltend niedrige künstlerische Niveau und die schier beängstigende Fülle des Angebots.

Maenz hat in seiner Düsseldorfer Koje die Bilder der von ihm vertretenen "Väter" der jungen Wilden nicht mehr aufgehängt, sondern präsentiert sie seinen Sammler-Kunden wie in einem Warenhaus als an die Wand gelehnte Bilderstapel: Kunst zum Kramen und alsbaldigen Verkauf nach dem Motto cash and carry. Die Sammler scheint das nicht zu stören, sie haben dem Galeristen schön am Eröffnungsabend ein zufriedenstellendes Geschäft beschert. Die Bilder wirken, als seien sie noch frisch, die Preise übrigens auch; man kann kaum noch folgen, wie sie sich von Ausstellung zu Ausstellung nach oben schrauben. Dennoch zeigt sich in Düsseldorf, daß große Teile des seriösen Kunsthandels dem Warenhausangebot verstärkte Anstrengungen um die klassische Moderne entgegensetzen, es gibt manche deutliche Verweigeistig gegenüber dem "Zeitgeist".

Die Konfrontation aber dieses sorglosen Neoexpressionismus mit den historischen Bildern läßt die Behauptung dieser Enkel, sie würden sich um Vorbilder nicht scheren, wie eine Seifenblase zerplatzen. Der ungeschminkte und nicht arrangierte Vergleich fällt für die Jungen verheerend aus. Da wird Vitalität zur leeren Geste, Auflehnung und Empörung verkommen zur marktgerechten Inszenierung. Vielleicht macht es unter diesem Gesichtspunkt wirklich Sinn, daß einige Programm-Galerien auf die Teilnahme verzichtet haben. Diese Kunst kann, trotz ihres enormen kommerziellen Erfolges, den Vergleich noch nicht aushalten. Daß sie auf der internationalen Ausstellungsszene dieses Jahres dominiert hat – bis hin zur reinen Monokultur in Berlin –, hat den Blick der Öffentlichkeit eingeschränkt und abgestumpft.

So erhält der Internationale Kunstmarkt, der sich in diesem Jahr wieder "eingeschrumpft" hat und mit seinen hundert Galerien einen leicht regional-provinziellen Eindruck erweckt, eine überraschende Funktion: Er korrigiert – freilich in Maßen – das von den Ausstellungsmachern der öffentlichen Hand erweckte Bild eines unaufhaltsamen Siegeszuges dieser Kunst, die weniger wild als vielmehr undiszipliniert ist. Dennoch ist gerade in Düsseldorf zu beobachten, wie präzise Händlerinteressen und Ausstellungsbetrieb Hand in Hand arbeiten. Da muß man den Händlern gar keine finsteren Absichten oder gar Machenschaften unterstellen. Es ist der Kunst- und Ausstellungsbetrieb insgesamt, der hier eklatant versagt hat. Hans-Peter Riese