ARD, Freitag, 12 November: „Lehrstellen-Poker“‚ Bericht von Margarete Runte-Plewnia

Freitagabend, gegen zehn: Ein weißbekitteltesMädchen erscheint auf dem Bildschirm, freundlich, ein bißchen verlegen, norddeutscher Tonfall Was sie hier täte, in der Wurstfabrik? Geld verdienen, tausend Mark kämen zusammen. Wozu sie es brauchte, das Geld? Für ihre Mutter, für Kleidung und eine Wohnung. Und wenn sie entlassen werde? Dann sei alles vorbei: Für eine Sonderschülerin wie sie gäbe es keine Lehrstelle im Lande. Ob sie es versucht hätte? Gewiß, das habe sie: ohne Erfolg. Jetzt aber wolle sie nicht mehr. Tausend Mark – wer die einmal verdient habe, fange nicht wieder von vorn an. Außerdem sei es ja doch hoffnungslos.

Und dann die Frage: „Und was glaubst du, was aus dir wird?“ Antwort, leise, mit einem Anflug von Lächeln und Resignation: „Gar nichts.“

Bundesrepublikanische Wirklichkeit 1982. Vier Hauptschüler stellten sich vor, zwei Jungen und zwei Mädchen, die ein Jahr lang versucht hatten, eine Lehrstelle zu finden: als Bürokraft, als Verkäuferin, als Mechaniker, als Maurer, als „alles, wenn’s nur eine Ausbildung ist“. Vier Jugendliche, denen am Ende nur eins bleibt: zu warten, zu hoffen, zu gammeln, den Tag totzuschlagen.

Und mit diesen Jugendlichen nun, den Betroffenen auf der Straße, wurden – Pointe des Films – die Reinen und Feinen auf den oberen Rängen konfrontiert, die Präsidenten und Funktionäre mit ihren Reden von Verantwortung, von Herz und Verstand, die sich zu finden hätten, von freier Wirtschaft, freiem Kräftespiel und von den Totengräbern unserer Freiheit.

Dazu kein Kommentar: Da, dies hier ist die Wirklichkeit und dies dort die Ideologie, dies die triste Misere und dies die Realität verschleiernde Phrase. Der Betrachter am Bildschirm war aufgefordert, den kleinen Unterschied in der Lautgebung derer da unten und derer da oben selbst zu bemerken – aufgefordert auch, sich unter Zuhilfenahme seiner Vernunft die Diskrepanz zwischen einer Stinglschen und einer von Gewerkschaftsseite verkündeten Arbeitslosenzahl unter Jugendlichen zu erklären.

Dreißigtausend oder dreihunderttausend: Wer hat hier recht? Offenbar die Gewerkschaft: Tricks wurden deutlich gemacht, mit deren Hilfe Jugendliche wie die vier aus Norddeutschland unter den Tisch fallen können: Der meldet sich nicht, der kommt nicht wieder, die macht einen vorbereitenden Lehrgang (nach dessen Ende das Elend von vom beginnt), die parkt und wird nicht mitgezählt.