Von Dirk Sager

Moskau,im November

Meist lag düsterer Nebel über der Stadt. Aber es waren Tage und Stunden, wie es sie in der langen Geschichte Moskaus noch nicht gegeben hat. Die Stadt, die sich über Jahrhunderte hinweg dem Fremden eher verschloß, ihn argwöhnisch und abweisend betrachtete, die auch in unserer Zeit noch weit davon entfernt ist, die gelassene Atmosphäre einer westlichen Metropole auszustrahlen – diese Stadt hatte die Staatsoberhäupter der Welt zu Gast, mindestens ihre Vertreter. Selbst ein hoher chinesischer Besucher war vertreten, der Außenminister Huang Hua.

Moskau als eines der großen Zentren dieser Welt – Breschnjew soll immer den Wunsch gehabt haben, die Stadt einmal so zu erleben. Die Olympischen Spiele sollten die Bühne dafür sein. Daraus wurde damals nichts. Jetzt, nach seinem Tod, kamen sie fast alle.

Für Jurij Andropow steht diese internationale Trauergemeinde am Anfang seines neuen Weges als Generalsekretär. Dreimal seit der Revolution hat Moskau erlebt, daß ein Parteichef der KPdSU starb. Der Tod des ersten, Lenins, wirft immer noch lange Schatten. Das wichtigste Theaterstück dieses Jahres zeigte unter dem Titel „So werden wir siegen“ einen grüblerischen, todkranken Lenin, den die Frage, wer sein Erbe antreten würde, an den Rand der Verzweiflung trieb. Es war das Stück der Saison, weil die Spekulationen, wie es weitergehen würde nach einem Ende der Ära Breschnjew, nicht nur im Westen, sondern auch hier umgingen. Und sie lösten Sorge aus, wußte man doch bei dem „Alten“, was man hatte, während die Geschichte hinlänglich demonstrierte, was geschehen kann, wenn das Amt in falsche Hände gerät.

Demonstrativ besuchte damals das Politbüro geschlossen eine Vorstellung, ein Hinweis, so wollten es damals Freunde deuten, daß die Spitzenpolitiker die Besorgnis ihrer Untertanen verstanden hatten, daß sie es besser machen wollten als Lenin. Dennoch blieben die Spekulationen. Unruhe und Spannung erreichten ihren Höhepunkt, als am Mittwochabend vergangener Woche das sowjetische Fernsehen sein Programm änderte und statt leichter Unterhaltung getragene Musik über den Sender kam.

Die Angst der Russen vor dem Krieg ist keine parteigesteuerte Propagandathese. Und wenn an jenem Abend die Moskauer Telephondrähte heißliefen, weil Freunde und Verwandte miteinander beratschlagen wollten, dann stand dahinter auch die Sorge, wie es in der internationalen Politik weitergehen würde. „Breschnjew wollte den Frieden“, meinten viele den verstorbenen Parteichef deuten zu können, „wer weiß, ob der nächste nicht die Karten überreizt.“