Wildes Land im Süden

Von Hans Dieter Kley

Señor Andrade steht hinter der Theke seines Krämerladens in Puerto Natales. Als wir ihn fragen, ob er uns in den Paine-Park fahren könne, zieht er sofort seinen Kittel aus. Das Fräulein im Touristenbüro (seine Tochter, wie sich herausstellt) hat uns zu ihm geschickt. 4500 Pesos oder 120 US-Dollar soll die Tagesfahrt kosten.

Chile ist ein teures Reiseland. Seine unrealistische Währungspolitik und sein barsches Militärregime sind dem Tourismus nur wenig förderlich. Doch mancher Globetrotter möchte nicht auf bessere Zeiten warten.

Puerto Natales am großartigen Fjord Ultima Esperanza (Letzte Hoffnung) weit unten im Süden Chiles ist ein Städtchen mit bunten Häusern aus Holz und Wellblech, in windgeschützten Winkeln gedeihen Blumen und Gemüse, hinter Lattenzäunen weidet Aberdeen-Vieh. Im Sommer geht die Sonne erst gegen zehn Uhr unter, dann leuchten die Gipfel und Gletscher des Balmaceda am Ende des Fjords. Der im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende patagonische Wind hindert uns allerdings daran, in den Fjord hinauszufahren und das Kalben des Gletschers zu erleben. Immerhin beschert uns der Himmel für unseren Ausflug in den Paine-Park einen der seltenen wolkenlosen Tage. Señor Andrade legt eine Tüte mit Karamellen auf das Armaturenbrett – und los geht die Fahrt.

Schon kurz hinter der Stadt haben wir auf rauher Schotterpiste die erste von drei Reifenpannen. Glücklicherweise fliegt uns während der ganzen Fahrt kein einziger Stein in die Windschutzscheibe. In Patagonien schützen sich viele Autofahrer durch Drahtgitter mit kleinen Ausgucken. Gauchos auf ihren Pferden, mit einem Troß von Rindern, Schafen und Hunden, kommen vorbei. Bei einer Abzweigung halten wir an einem Militärposten, von hier führt eine Verbindungsstraße hinüber nach Calafate, in das argentinische See- und Gletscherparadies am Lago Argentino. Aber sie ist, Folge des Beagle-Konflikts, vermint worden. Ob sich Chilenen und Argentinier nicht als Brüder fühlten, fragen wir Señor Andrade. "Mas o menos" – mehr oder weniger, knurrt er, wobei er "menos" mehr betonte als "mas".

Plötzlich taucht hinter einer Bodensenke das Paine-Massiv wie eine gigantische Festung auf. Noch liegen die markanten Türme, Pyramiden und Felsnasen gut fünfzig Kilometer entfernt. Der Blick über den grünblauen See, auf die Gletscher und die fast kahlen, von Erosion bedrohten Nebenberge, ist wunderschön. An der Einfahrt zum Nationalpark "Torres del, Paine" müssen 80 Pesos Eintrittsgebühr gezahlt werden. Mit dem Ticket bekommen wir eine Wanderkarte.

Hinter dem Gatter erwartet uns ein Pulk Guanacos, Verwandte des Lamas und Kamels. Sie haben Gesichter wie Känguruhs und Schweife wie Eichhörnchen. Die Tiere starren uns genauso neugierig an wie wir sie. Später laufen uns Nandus, die kleineren Brüder des afrikanischen Straußes, über den Weg. Ein Kondor zieht seine Kreise. Auf den Seen schwimmen Wildgänse und Schwarzhalsschwäne. Hasen und Kaninchen gibt es zuhauf. Das Massiv rückt stetig näher, zeitweilig verschwinden die Türme hinter Bodensenken, um danach um so spektakulärer vor uns zu stehen. Nach der zweiten Reifenpanne machen wir uns zu einer Wanderung auf. Der Wind bläst so heftig, daß wir uns ihm entgegenstemmen müssen. An Hängen und auf steilen Wegstrecken werfen wir uns ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Wir glauben zu schwimmen. Mehr rudernd als gehend kommen wir zu einem gewaltigen Wasserfall, vor uns die Cuernos (Hörner) del Paine. Zusammen mit den Torres del Paine bilden sie ein unvergleichliches Ensemble. Der Wind und die Schürfkraft eiszeitlicher Gletscher haben die fast dreitausend Meter hohen Hörner, Zinnen und Türme geschaffen. Für den passionierten Bergsteiger sind sie eine große Herausforderung. Schier unüberwindlich scheinen die schroffen, sturmumtosten Wände zu sein. Aber in jedem Jahr finden sich Mutige, die nach oft wochenlangem Warten den Aufstieg wagen.

Wildes Land im Süden

Wir begnügen uns damit, am Lago Pehoe entlangzuwandern und in die malerisch gelegene, nur über einen Holzsteg zu erreichende Hosteria einzukehren. Zum Almuerzo (Mittagessen) sind wir zu spät gekommen, aber es gibt noch Wurstbrote und etwas zu trinken. Zum Nachtisch knabbern wir Kokosbiskuits aus Señor Andrades Gemischtwarenladen. Unter den wenigen Besuchern im Park treffen wir einen Deutschbrasilianer aus São Paulo und ein Ehepaar aus Pfaffenhofen. Sie sind mit ihrem Wohnwagen unterwegs. Ein Kölner Student wandert mit Rucksack und Zelt schon über zwei Wochen im Park. Es gibt hier ein paar kleine Hotels, mehrere Campingplätze, Berghütten und Picknickstellen, außerdem einige Centros de Interpretacion mit kundigen Parkhütern.

Ein zweiter Ausflug bringt uns nach Punta Arenas. Von Puerto fatales führt eine neue Betonstraße durch die patagonische Prärie dorthin. Für die vierstündige Busfahrt werden Platzkarten ausgegeben. Mit dem heulenden Wind als ständigen Begleiter fahren wir durch das südchilenische Schafland, kommen an die Magellan-Straße, die an dieser Stelle langweilig wirkt. In Punta Arenas, so meinten wir, müßten sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Aber hier am Rande der Antarktis stoßen wir auf eine saubere, ansehnliche Großstadt. Chiles südlichste Stadt erlebt dank des Erdöls im gegenüberliegenden Feuerland eine zweite Blütezeit. Bis zur Eröffnung des Panamakanals war Punta Arenas ein bedeutender Versorgungshafen für die internationale Schiffahrt gewesen. Aus jener Zeit stammen stattliche Bauten im Gründerzeitstil – Banken, Klubhäuser, ein Stadttheater. Im Zentrum der Stadt liegt die Plaza de Armas mit dem Magellandenkmal, der Kathedrale und einem Nobelhotel. Die neueren Bauten, vom Shopping- bis zum Bowling-Center, sind Kopien des American way of Life. Überall trifft man auf europäische Firmen- und Familiennamen. "Phantastisch" nennt das "South American Handbook" den Friedhof der Stadt. Vor dem monumentalen Eingang werden Blumen, Devotionalien und Plastickränze, aber auch Hühnerfleisch, Schokolade und Dauerlutscher feilgeboten. Hinter der Friedhofsmauer geht es noch bunter zu, da leuchtet zwischen Zypressen und Buchsbaumhecken eine Orgie kitschigster Farben. Es fällt schwer, beim Anblick der monströsen Grabmäler und des überbunten Dekors ernst zu bleiben. Der Aberglaube treibt sonderbare Blüten. Die meisten Besucher kommen auf den Friedhof, um die Statue eines unbekannten Indianerknaben zu schmücken. Alte und Junge küssen und streicheln den großen linken Zeh der Statue, die als wundertätig gilt. Die Ausrottung der Urbevölkerung Patagoniens wird durch einen schwülstigen Text verdrängt, der von der "Einbettung in die Liebe des Chilenentums" spricht. Mit Votivtafeln, Rosenkränzen und Peso-Scheinen wird nun die Gunst des namenlosen Wunderknaben erfleht.

Patagonien – das ist nicht nur menschenleeres, windgepeitschtes Ödland, ein Reisegebiet für Masochisten, wie ich früher glaubte. Seine Gletscher, Seen und Fjorde sind der imposanteste Teil der Andenkette. Man muß einmal über die Küstenkordilleren hinweggeflogen sein, um zu erkennen, daß der Straßenbau hier kaum eine Chance hat. Punta Arenas ist von Chiles Hauptstadt aus nur per Flugzeug oder Schiff zu erreichen. Eine Landverbindung gibt es lediglich nach Argentinien. Die Westseite der Kordilleren zwischen Punta Arenas und Puerto Montt liegt meist unter einer dicken Wolkendecke, dann bleibt die von unzähligen Fjorden zerrissene Küste unsichtbar. Aber an diesem schönen Sommertag im Februar startet die Boeing in einen fast wolkenlosen Tag. Aus der Vogelperspektive sehe ich noch einmal Rio Turbio, Puerto Natales, das Paine-Massiv und den Lago Argentino mit seinen schwimmenden Eisbergen. Wir überfliegen blendendweiße Eismassive, die Gletscherströme nach allen Seiten aussenden.

Dann der Pazifik, die Schneefelder und Grünflecken der Fjorde und auf weite Strecken keine Spur menschlicher Existenz.