Von Petra Kipphoff

P. K.: Frau Oppenheim, Sie sind als sehr junges Mädchen 1932 in Paris von Max Ernst, Giacometti, Duchamp und anderen Künstlern besonders aus dem Kreis der Surrealisten aufgenommen und als Freundin und Künstlerin akzeptiert worden. Inzwischen sind fünf Jahrzehnte vergangen, und es hat vom Abstrakten Expressionismus über die Pop Art bis zu den Neuen Wilden viele Ismen und Stile und Moden gegeben. Wie kommt Ihnen dieser Teil der Kunstgeschichte, den Sie selbst miterlebt haben, heute vor, und wo sehen Sie Ihren Platz?

Meret Oppenheim: Wenn man mir immer wieder das Etikett Surrealistin anhängt, kann ich es nicht ändern, es ist nun mal passiert. Aber es interessiert mich nicht so. Und jetzt sage ich etwas, was vielleicht seltsam klingt: es ist für mich einfach immer ständig die Gegenwart. Was sind denn schon fünfzig Jahre, hundert Jahre? Es ist für mich einfach immer ein Weiterleben: heute kommt das, morgen das; heute Op Art, dann kommt wieder was. Da suche ich mir aus, was ich mag, ob das jetzt Rauschenberg und Jasper Johns sind oder ob es Pollock ist. Ich finde, es gibt und es gab, seitdem ich lebe, immer wieder Künstler, die mich interessiert haben: am Anfang waren es die deutschen Expressionisten, als ich ganz jung war, gleichzeitig aber Matisse und – sagen wir, nicht der Kubismus, da brauchte ich ein bißchen länger, bis ich den verstand – aber die "Epoche rose" und "Epoche bleu" von Picasso, und ich hatte Braque sehr gern. Um die Bewegungen selbst habe ich mich nie gekümmert, und in welche Schublade sie getan wurden für die Kunsthistoriker oder die Kunstkritiker, das hat mich nie gekümmert. Ich sehe einfach ein Wachsen und Fortlaufen und immer neue Blüten der Kunst sich entfalten. Ob das figürlich ist oder abstrakt, das war mir von jeher egal.

P. K.: Sie waren auch auf die diesjährige documenta eingeladen. Wie kamen Sie sich da vor, was hat Sie geärgert oder gefreut?

Meret Oppenheim: Ich kenne alle diese Kontroversen über die documenta, die ich inzwischen gelesen habe – vorher nicht – aber ich kümmere mich um das nicht. Ich habe immerhin einige mir interessante Künstler entdeckt, andere habe ich schon gekannt wie die Italiener Spaletti und Fabro, den Amerikaner James Lee Byars, Mario Merz, den ich natürlich schon seit einiger Zeit kenne; Sol Le Witt hatte einen sehr schönen Raum. Wolfgang Laib mit seinem Blütenstaub fand ich auch interessant. Aber ich lasse einfach aus, was mich nicht interessiert. Ich will auch jetzt nicht sagen, was ich nicht gern hatte. Was gut ist, bleibt bestehen, und was schlecht ist, geht sowieso den Weg allen Fleisches.

P. K.: Sie werden ja immer wieder auf Ihre "Pelztasse" angesprochen, das berühmte "Dejeuner en fourrure" von 1936, dieses pelzbekleidete Frühstücksgeschirr, das jeder mit Ihrem Namen zusammenbringt, auch wenn er sonst nichts von Ihnen weiß. Sie haben, glaube ich, diese Klischierung Ihres Ruhms nicht So gern. Welche Arbeit von Ihnen ist für Sie ebenso wichtig, wichtiger?

Meret Oppenheim: Es war ein gutes Objekt. Aber gleichzeitig habe ich ja, im gleichen Jahr, zum Beispiel "Mein Kindermädchen, My nurse, Ma gouvernante" gemacht – für mich ist es gleich wichtig. Es wurde nie erwähnt, weil: die Pelztasse wurde sofort gekauft von Alfred Bahr jun., glaube ich, für das Museum of Modern Art in New York, und deshalb wurde sie so berühmt. Mir war das nicht so wichtig. Ich will nicht sagen, daß alle meine Arbeiten gleich wichtig sind, das stimmt nicht. Aber ganz sicher sind mir viele Arbeiten ebenso wichtig, ich will nicht da eine Skala machen. Hier hängt unten ein kleines Bild, das heißt "Ein Abend im Jahre 1910". Ich war so erstaunt, dieses Bild wiederzusehen, denn dieses Bild ist mir richtig erschienen. Ich denke mir das fast nie vorher aus. Ich habe die Idee, ich will das so und so machen, und dann ist es da. Ich hatte solche Freude und dachte mir: Was hast Du dem da wieder gemacht!