Von Theo Sommer

Am Mittwoch voriger Woche ist Leonid Breschnjew gestorben. Am Freitag ließ das Kriegsrechtsregime des Generals Jaruzelski den internierten Arbeiterführer Lech Walesa frei. Am Samstag hob Präsident Reagan die Handelssanktionen auf, die er nach der Niederschlagung der polnischen Erneuerungsbewegung verhängt hatte.

Die drei Ereignisse haben ursächlich nichts miteinander zu tun. Gleichwohl ist ihre zeitliche Verknüpfung bedeutsam. Schürzt sich ein neuer Entwicklungsknoten im Ost-West-Verhältnis?

Die Antwort auf diese Frage hängt nicht nur von Juni Andropow ab, dem neuen Mann im Kreml. Sie hängt auch davon ab, welche Politik der Westen gegenüber dem Erben Breschnjews verfolgt. "lt takes two to tango" – zum Tangotanzen gehören zwei, sagt Ronald Reagan. Aber bisher hatte er eher den Eindruck erweckt, daß er den Paukboden der Tanzfläche vorzog. Wird er nach der Wachablösung in Moskau seine Kontaktscheu abstreifen?

Die Pietät zwingt niemanden, den toten Breschnjew zu verklären. Er war zu seinen Lebzeiten kein Heiliger (wo freilich, außer in Axel Springers Wunschwelt, lenkten die je die Geschicke der Staaten?). Er war der Herrscher eines Riesenreiches, dessen Macht er zu bewahren und zu mehren suchte.

Dies tat Breschnjew mit brutaler Gewalt, wie 1968 in der Tschechoslowakei, wo seine Panzer Dubčeks Versuch, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen, blutig niederwalzten. In der Breschnjew-Doktrin vom proletarischen Internationalismus schuf er sich den Begriff, der den Sowjetimperialismus theoretisch unterfütterte. Ende 1980 erstreckte er diese Doktrin auf das Nachbarland Afghanistan: Er setzte die Rote Armee in Marsch, um dem wankenden kommunistischen Regime in Kabul zur Stabilität zu verhelfen. In Polen griff er nicht gleichermaßen drastisch durch, aber auch dort sorgte er – wie in der Sowjetunion selber – dafür, daß die ideologische Aufweichung nicht zu weit ging. Ansonsten ließ er außerhalb der Ostblockgrenzen keine Gelegenheit aus, den Einfluß Moskaus auszudehnen: auf Angola und Mocambique, das Horn von Afrika und Äthiopien, Vietnam und Kambodscha. Und während seiner achtzehnjährigen Herrschaft wuchs die Sowjetunion zur militärischen Supermacht empor, die den Vereinigten Staaten Pari und Paroli bieten konnte.

Doch wäre es auch falsch, Leonid Breschnjew zu verteufeln. Ein monströser Despot wie Stalin war er nicht. Er ließ sich nie auf unkalkulierbare Risiken ein – auf Abenteuer, wie Chruschtschow sie in Berlin und Kuba inszeniert hatte. Unter den Zwängen des nuklearen Zeitalters verstand er sich zur Entspannung in Europa. So begrenzt sie blieb, so wohltuend unterschied sie sich von den vorangegangenen Krisenjahrzehnten. Breschnjew wollte Frieden. Vielleicht wollte er ja auch die Vorherrschaft über die Welt. Freilich wußte er, daß er sie ohne Krieg nicht bekommen werde; davor jedoch hatte er den gesunden Horror dessen, der den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Also suchte er sich zwischen seinen Ambitionen und seinen Ängsten einzurichten. Er spielte das Mächtespiel wie ein russischer Zar, nicht wie ein Weltrevolutionär.