Die Sozialdemokraten müssen sich mehr einfallen lassen, als nur alte Wahlkampf-Vokabeln wieder auszupacken

Von Rolf Zundel

Bonn, im November

Aufbruch nach vom", so lautet die Botschaft des SPD-Kanzlerkandidaten Hans-Jochen Vogel. Eine vermessene Botschaft oder doch zumindest ein etwas krampfhafter Versuch, aus der Verbannung in die Opposition das Beste zu machen? So abwegig ist die Parole nicht; die SPD bietet keineswegs das Bild einer Partei, die sich resigniert und bitter auf lange, sehr lange Oppositionsjahre einrichtet.

In den Wochen seit dem Kanzlersturz hat die Partei mit ihrer Anzeigenkampagne über 40 000 neue Mitglieder gewonnen, also den Schwund, der sie in den zwei Jahren zuvor heimgesucht hatte, mehr als wettgemacht. In vielen Briefen, die im Ollenhauer-Haus eintrafen, haben Alt- und Neumitglieder Geld geschickt; etwa 300 000 Mark sind der SPD zugeflossen: So reagiert nicht eine Partei, die das Rennen verloren gegeben hat.

Der scheinbar unaufhaltsame Abstieg zur 30-Prozent-Marke ist durch die Ergebnisse in Hessen, Bayern und durch die Oberbürgermeisterwahl in Freiburg zunächst gestoppt worden. Und die Wahlanalytiker der Partei sind optimistisch, daß sich in diesen Wahlen nicht nur eine vorübergehende Stimmung ausdrückte, sondern daß die SPD gute Chancen hat, ihre Erfolgeauszubauen. Stärkste Partei am 19. Dezember in Hamburg – dies ist mittlerweile schon ein fast selbstverständliches Wahlziel, und selbst für die Bundestagswahl scheint es nicht mehr ganz unerreichbar.

Der alte Streit in der Regierungspartei SPD – Öffnung gegenüber den Grünen oder Konzentration auf die sogenannten Stammwähler – beschäftigt die Presse mittlerweile mehr als die Genossen. Tatsache ist, daß bei den letzten Wahlen sowohl alte SPD-Anhänger wieder mobilisiert wurden als auch "angegrünte" Wähler zur SPD zurückkehrten. Und sogar der notorische Warner vor grünen Ausuferungen, Richard Löwenthal, fand mittlerweile den Umgang mit dieser neuen Gruppierung, wie er zum Beispiel in Hamburg praktiziert wurde, durchaus vertretbar: Die Gespräche seien mit der richtigen Mischung von Kompromißbereitschaft in Einzelheiten und Festigkeit in Grundsatzfragen geführt worden; dadurch werde der politische "Klärungsprozeß" bei den Grünen voran- – getrieben.