Von Rolf Schneider

Im etwa zwanzigsten Monat nach Ausgang des Krieges, er selbst inzwischen stand im Alter von siebenundfünfzig, begann er mit der Niederschrift eines Buches, das nach seinem eigenen auch vorher und öffentlich vorgetragenen Zeugnis als sein Hauptwerk gemeint war, zu welchem alles bisher von ihm Geschriebene hinführen und, wie alsbald erweisbar sein würde, einzelne zuvor im Land mit Wohlwollen vermerkten Texte als unmittelbare Vorwegnahmen betrachtet sein wollten.

Er galt zu jenem Zeitpunkt als ein in kleinen Zirkeln geachteter Verfasser.

Wir stellen ihn uns vor überwiegend eingezäunt in die selber gewollte Isolation. Birken, Sumpfland, Mücken, aus Ästen gezimmerte Bänke, trennende Hecken am Zaun, Schneeverwehung im Winter. Manchmal vom hölzernen Bahnhof des Vororts Anfang einer Fahrt bis in die Hauptstadt, wo sich seine andere Wohnung befand. Völlig befangen von Gerüchen, Bildern, Garderoben, Gewohnheiten, Redewendungen, Ängsten, Revolten, Weltentwürfen, Zerstörungen eines zwanzig bis fünfzig Jahre entfernten Zeitalters, hatte er sich das Fragen nach etwaiger Beziehung zwischen poetischen Metaphern und persönlicher Moral, stellen wir uns vor, absichtlich verboten.

Den Namen seines mit dem Namen der Hauptperson gleichlautenden Buches fand er während eines Spaziergangs, als Prägung eines Herstellernamens auf einer Metallplatte, die in einer für jeden betretbaren Straße auslag, der Name hatte eine sprachgeschichtlich erschließbare Ähnlichkeit mit dem Wort Leben.

Zufolge deren eigenem Zeugnis wurde seine Freundin im zweiten Jahr seiner Arbeit an dem Buch polizeilich sistiert. In ihrer Wohnung wurden bei einer Durchsuchung, ausgeführt von Beauftragten einer staatlichen Behörde, verschiedene Papiere und Bücher mit Notizen in seiner Handschrift beschlagnahmt. In anschließenden Verhören wurden ihr ausschließlich Fragen gestellt nach dem Inhalt und den Auskünften seines noch nicht fertig geschriebenen Buches.

Ihre Verurteilung zu fünf Jahren Freiheitsentzug mußte ihr in Anbetracht damals üblicher Strafmaße als mild erscheinen. Ihre Begnadigung erfolgte unmittelbar nach dem Ableben des mächtigen Generalsekretärs und stand nach ihrer Vermutung im ursächlichen Zusammenhang eben damit. Ihr Freund hatte während der Zeit ihrer Abwesenheit unbehelligt an seinem Manuskript weiterarbeiten können. Von dem Abschluß seiner Arbeit an dem Manuskript hatte jeder im Land aus einer von heimischen Sendern verbreiteten Radiomeldung erfahren können.