Freiburg i. Br.

Verregneter Mittwochmorgen im Oktober. Vierzig Freiburger Gymnasiallehrer haben dienstfrei und reisen mit dem Omnibus ins benachbarte Ausland. Heute sollen einmal sie unterrichtet werden – und zwar in Sachen Kernenergie direkt vor Ort im französischen Kernkraftwerk Fessenheim am Rhein. Für diesen Unterricht scheut Baden-Württembergs Landesregierung weder Mühe noch Aufwand. Zwischen Mitte Oktober und Mitte Dezember laufen zehn Veranstaltungen; nicht nur in Fessenheim, auch die Kernkraftwerke Neckarwestheim und Leibstadt/Schweiz sind Schulungsort. Veranstalter ist das Regierungspräsidium zusammen mit dem Oberschulamt und dem Wirtschaftsministerium.

In Südbaden verläuft die öffentliche Diskussion um die Kernenergie etwas heftiger, sind Proteste zahlreicher als anderswo, weil die Bürger hier direkt betroffen sind.

Nachdem das Mannheimer Verwaltungsgericht als letzte Instanz darüber entschied, daß der Bau des Kernkraftwerkes Wyhl nun genehmigt, nachdem Neckarwestheim II geplant ist, sind weitere 8 Standorte in Baden-Württemberg festgelegt.

Betroffen und verunsichert sind auch die Lehrer, die in Fessenheim aus dem Bus steigen. Nach den Sommerferien sind Schulen im südbadischen Raum mit Jodtabletten beliefert worden, 100 Stück pro Schüler. Anwendung und Wirksamkeit der Jodtabletten im Katastrophenfall sind umstritten, und nun fragt sich jeder Lehrer nach dem tieferen Sinn dieses Medikamentenlagers. Freiburg gehört in die gefährdete Zone, wenn durch einen Störfall in Fessenheim radioaktives Material an die Umwelt gelangt. Erst unlängst gaben Risse im Fessenheimer Reaktor Anlaß zu solcher Besorgnis.

Woher sollen die Lehrer die notwendige Sachkenntnis beziehen über ein so kontrovers diskutiertes Thema wie die Kernenergie? Und wie steht es mit dem Katastrophenschutz, ein Thema, das von der Kernenergie nicht zu trennen ist? Die angereisten Deutsch-, Französisch-, Sport-, Chemie-, Religions- und Gemeinschaftskundelehrer hoffen auf mehr Klarheit und erwarten sachliche Informationen. Auf dem Programm stehen die Funktion und Sicherheit eines Kernkraftwerks, seine Wirkung auf die Umwelt und Entsorgungsprobleme.

Doch was als Informationsveranstaltung deklariert ist, entpuppt sich sehr rasch als Propaganda für die Kernenergie. Angehörige des Werkes und Fachexperten des Wirtschaftsministeriums referieren den ganzen Tag. Man erfährt, daß Baden-Württemberg zur friedlichen Nutzung der Kernenergie verpflichtet ist, um auch in Zukunft ausreichend mit Energie versorgt zu sein.