Von Hans Schueler

Es gibt Journalisten, die ihre Artikel, und Politiker, die ihre Reden gern am Stehpult schreiben. Manfred Wörner schreibt für gewöhnlich am Schreibtisch. Dennoch hat er sich ein sonderbares Möbel in sein Arbeitszimmer auf der Bonner Hardthöhe stellen lassen – eine Art Reißbrett auf Beinen, wie es Architekten oder technische Zeichner verwenden. Darauf sind mehrere großformatige Zeichenbogen befestigt. Ihnen hat der neue Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland in ebenso großformatiger Schrift die Kernsätze seines vorerst bis zum 6. März nächsten Jahres – dem vorgesehenen Tag für Bundestag-Neuwahlen – befristeten Regierungsprogramms anvertraut.

"Sicherheitspolitik" steht ganz oben; die Antrittsbesuche bei den Ministerkollegen in Frankreich und den Vereinigten Staaten sind schon abgehakt. Dann folgen in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit Berichtsanforderungen an das eigene Haus mit Vorlageterminen, die zum Teil noch vor Weihnachten liegen: über Rüstungsfinanzierung, über die Personallage bei den Streitkräften; schließlich Zielvorgaben wie Bekämpfung der "Gammelei" in der Truppe und ganz zum Schluß das Stichwort "Warnsystem".

Die Aufzeichnungen auf der Staffelei sind überwiegend chronologisch gegliedert und erwecken deshalb beim Betrachter, vor dem sie rasch hergeblättert werden, den Eindruck von Hektik und Kurzatmigkeit. Oder sollen sie zeigen, daß hier ein Stratege, ein Mann des großen Wurfes am Werk ist, der im Zimmer auf- und abschreitend seine Reform-Ideen für die Bundeswehr und seine Gedanken über europäische Sicherheit so sturzbachartig entwickelt, daß ihm nur das Reißbrett im Vorübergehen Gelegenheit bietet, sie festzuhalten?

Manfred Wörner weiß natürlich, wie wenig Zeit ihm bleibt, zumal während des schon angelaufenen Wahlkampfes, auch nur seine dringlichsten Vorhaben in Angriff zu nehmen. Er verfügt über keine Mark mehr im Verteidigungshaushalt als sein Vorgänger Hans Apel; er kann deshalb bestenfalls "umschichten", neue Trends setzen immer mit dem Risiko, ein Loch zu stopfen, indem er ein anderes aufreißt. So ist es gewiß richtig, der viel beklagten "Gammelei" in der Bundeswehr durch neue Stellen vor allem für längerdienende Unteroffiziere (Ausbilder) entgegenzuwirken. Doch die darauf verwendeten Millionen fehlen für die ohnehin zu knappe Munition; sie müssen durch Kürzungen auch bei anderen wichtigen Sachausgaben gewonnen werden.

Das Stichwort "Warnsystem" steht auf dem Planbogen des Ministers nicht für eine neue Alarmanlage, sondern als Ersatz für den von Hans Apel vorgeschlagenen "Controller", der mehr Effizienz in den schier unregierbar gewordenen Wasserkopf auf der Hardthöhe bringen und künftige Finanzierungspannen à la "Tornado" vermeiden sollte. Manfred Wörner hat noch keine präzise Vorstellung, wie er das mit 5300 militärischen Und zivilen Bediensteten größte Ministerium rationalisieren und pannensicher machen kann, aber er will es auf keinen Fall mittels Druck und Drohung, die sich für ihn mit dem Wort "Controller" verbinden: "Es gibt hier viele ganz hervorragende Leute. Wenn ich die vor den Kopf stoße, bekomme ich bald selber keinen Fuß mehr auf den Boden."

Diplomatie oder nur der Optimismus des Newcomers, der seine bitteren Erfahrungen mit der Bürokratie noch vor sich hat? Wörner ist kein Frischling in dem mühseligen Verteidigungsgeschäft. Er kennt es seit einem guten Dutzend Jahren aus parlamentarischer Sicht, seit 1976 als Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Bundestages; aus der militärischen, Sicht noch sehr viel länger.