Von Dirk Sager

Moskau, im November

Dies ist eigentlich nicht die Zeit großer öffentlicher Aufmerksamkeit. Der November ist auch den Moskauern kein sonderlich willkommener Monat. Stürzende Regengüsse gehen über der Stadt nieder, manchmal treiben auch ein paar schwere, nasse Schneeflocken. Alles, was noch nicht asphaltiert und gepflastert ist (für die Fußgänger immer noch sehr viel), verwandelt sich in tiefen, lehmigen Morast. Und während die Wolken so tief über der Stadt hängen, daß nicht nur die Türme der Hochhäuser in ihnen verschwinden, gehen die Menschen, den Blick eher nach inneri gekehrt, fest entschlossen – so macht es den Anschein –, die Mißlichkeiten der Witterung nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wenn es kalt ist, spricht man gern über die Kältegrade wie über wohlverdiente Rekorde. Im November ist das Wetter für jede Kommentierung zu schlecht.

So unausweichlich dieser schmutzige Beginn des Winters alle Jahre wiederkehrt, so geduldig nimmt man auch hin, was mit dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden ist. Frisches Obst und Gemüse wird in den Geschäften zur Rarität. Dann kommen lange Monate, in denen allein Weißkohl den Ton bei den Tafelfreuden angibt. Unter dieser tristen Sicht der Dinge, die nicht farbenfreudiger wird, wenn man den Blick auf andere Lebensbereiche wirft, hat sich seit Jahren nichts geändert – aller beschwörenden und tadelnden Reden des verstorbenen Generalsekretärs zum Trotz. Und solche Novembertage ermuntern nicht zu der Phantasie, daß es unter Jurij Andropow besser werden könnte.

Bei den Trauerfeierlichkeiten haben die Bürger ihren neuen Generalsekretär das letzte Mal gesehen: auf dem Roten Platz, wo er energisch ein neues Tempo anzuschlagen schien, und danach über das Fernsehen, in Gesprächen mit Staatsoberhäuptern und Spitzenpolitikern aus Ost und West. Das Wichtigste, was dem Bürger zu registrieren blieb in diesen ersten Tagen und Stunden mit einem neuen Generalsekretär, war das beruhigende Gefühl, daß alles seinen ordentlichen Gang geht! Die Trauerfeierlichkeiten, bei deren Gestaltung Jurij Andropow seine Verantwortung hervorheben ließ, waren nicht nur der lange, letzte Abschied von einem sowjetischen Staatsmann, sondern auch eine Demonstration, "daß das Leben weitergeht". Und damit war die größte Sorge ausgeräumt: der Alptraum von rivalisierenden Politikern, die sich gegenseitig lähmen oder bekriegen oder das Land in eine unbekannte Zukunft stoßen. Alte wie junge Moskauer meinen, daß dieses Land zu groß sei für Abenteuer in der Politik. Jurij Andropow schien der Mann, der für Kontinuität bürgt; oft genug hat er in jenen ersten Tagen davon gesprochen.

Als die Staatstrauer verklungen war, verschwand Andropow aus der Öffentlichkeit und ließ die Bürger mit der Frage allein, wie sie sich diese Kontinuität genau vorzustellen haben. Im November liegt der Sommer noch weit. "Was soll schon werden", so ein gedachter innerer Monolog, "mehr zu essen und zu kaufen wird es nicht geben, mehr arbeiten werde ich auch nicht." Über die Ziele des neuen Generalsekretärs blieb, wer da lustlos durch den Moskauer Straßendreck stapfte, auf Mutmaßungen angewiesen. Nach 15 Jahren als KGB-Chef, so war anzunehmen, werde er schon genau wissen, woran es hapert. Und wegen seiner Erfahrungen in Ungarn, dessen wirtschaftlichen Reformkurs unter Kádár er gestützt haben soll, wie wegen seiner Beschäftigung mit den anderen Ostblock-Staaten, unterstellte man ihm auch die Kenntnis, wie in anderen Staaten die Widrigkeiten wirtschaftlicher Entwicklung angegangen werden. Vielleicht etwas gründlicher, vielleicht auch etwas energischer würde er sein, genauere Vorstellungen hatten wenige.

Montag nun war der Tag der Sitzung des Zentralkomitees, auf dem Wirtschaftsplan und Haushalt diskutiert wurden, Dienstag sollte die Sitzung des Obersten Sowjet folgen, auf der beides als Gesetz zu beschließen war. Wie meist an wichtigen Tagen, hatte der Sowjetbürger sich in Geduld zu fassen, bis in den abendlichen Fernsehnachrichten Beschlüsse und Reden verlesen werden. An solchen Tagen sind die Nachrichten auch gar nicht langweilig, denn jeder achtet über ihren Inhalt hinaus auf das, was an Atmosphärischem, an Nuancen und an neuen Wendungen zu registrieren ist.