Unter dem Motto „Was wünschen die Urlauber?“ wurde zur Jahrestagung des Studienkreises für Tourismus Ferienproblemen mit psychologischen und soziologischen Studien zu Leibe gerückt.

Warum fährt der Mensch in die Berge, ans Meer, warum mag er alte Gäßchen mit viel Fachwerk? Einfach nur, weil’s ihm dort gefällt? Mit einer solchen Antwort kann sich die Wissenschaft nicht zufriedengeben. Begriffe wie Schönheit oder Gefallen müssen quantifiziert werden. Der Analytiker zerschnippelt hierzu ein Feriengebiet in verschiedene „Milieubereiche“ oder „Settings“. Die bekommt er besser in den Griff als überwältigende Bergpanoramen. „Behavioursetting“ nennt die ökologische Psychologie die Methode, mit der Gerhard Winter vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen die subjektive Schönheit wissenschaftlich erfassen will: „Was bieten Typen von Situationen für die Selbstverwirklichung im Urlaub?“

Sogar eine objektive Schönheit wird definiert, landschaftliche Attraktivität EDV-fähig gemacht: in Verhältniszahlen von Berg zu Tal pro Quadratkilometer, als Wald-Wiesen-Wasser-Relation. Schön ist das. Schön wissenschaftlich. Aber beileibe keine nutzlose Theorie, meinen die Sozialforscher, die ihre hohe Kunst dem Tourismus zugute kommen lassen. Bei einer Vortragsreihe im Rahmen der Jahrestagung des Starnberger Studienkreises für Tourismus in Nürnberg gab Reinhard Schober vom Münchner Institut für Verhaltensforschung praktische Tips für Schönheitschirurgie in Fremdenverkehrsgemeinden. Ein Beispiel aus der Münchner Testreihe zur psychologischen Landvermessung, das Verkehrsvereinen zur Nachahmung empfohlen wird: Schober drückte einer Reihe von Versuchspersonen je zwei Kameras in die Hand, eine für positive, eine für negative Eindrücke, die sie an vorgegebenen Punkten in München zu knipsen hatten. Die Auswertung ergab, daß beispielsweise „Rathaus vor blauem Himmel“ als schön, ungepflegte Parkplatzwinkel hingegen als optisch unangenehm empfunden wurden. Wer hätte das gedacht! Mit der kompletten Testreihe erstellt Schober Wirkungsbilder, die als Grundlage für einen „atmosphärischen Plan“ zur Verschönerung touristischer Zonen dienen.

Der Studienkreis für Tourismus hat sich der wertfreien Wissenschaft verschrieben, will aber „durch Veröffentlichungen und Tagungen Kenntnisse an die Praxis weitergeben“, wie es im Arbeitsbericht 1982 heißt. Solche Basis-Information gab Diplom-Psychologin Gudrun Meyer auf der Jahrestagung mit ihrem Referat über „Urlaubswünsehe, Hoffnungen und Befürchtungen“. Aus der psychologischen Leitstudie zur Reiseanalyse 1981 kristallisierte sie die Aspekte heraus, die Urlauber nicht wünschen. Dimensionsgruppen wurden gebildet: Befürchtungen, daß man am Urlaubsort zuviel oder zuwenig Kontaktmöglichkeiten vorfindet, daß das gesundheitliche Wohlbefinden durch einen Mangel an Sonnenschein getrübt werden konnte oder daß zu Hause in die leerstehende Wohnung eingebrochen werden könnte. Sicherlich keine umwerfende Erkenntnis, daß Urlauber mitunter fürchten, daß das Geld nicht reichen könnte, aber nun ist es wissenschaftlich belegt: Zehn Prozent der Reisenden soll diese Sorge plagen.

Und was bedeuten nun die unterschwelligen Urlauberängste? Halten sie den potentiellen Reisenden eher vom Tapetenwechsel ab oder regen sie ihn umgekehrt gar zu einer Abenteuer-Tour an? Die Wissenschaftlerin muß bei diesen Fragen passen. Das war nicht Untersuchungsgegenstand.

Heidi Hahn, stellvertretende Studienkreis-Geschäftsführerin, ließ einen Fakten-Hagel zu geschlechts-, alters- und bildungsspezifischer Urlaubsmotivation auf ihr Mitglieder-Auditorium prasseln. Immerhin gab es bei diesem Auszug aus der Reiseanalyse ’81 einige Ergebnisse, die der „gesunde Menschenverstand“ nicht vermutet hätte. Die Sensation: Nur. 38 Prozent des statistischen Durchschnitts-Reisenden suchten in den Ferien Bräune, aber 67 Prozent „wollen in die Sonne kommen“,

Ein anderes spektakuläres Ergebnis: Frauen über 65 wollen im Urlaub vor allen Dingen „frei sein“ und sich deutlich weniger „der Familie und dem Partner widmen“ als jüngere – während der statistische Urlauber männlichen Geschlechts die Vorzüge einer eher beschaulichen Gestaltung der Ferien erst im Seniorenalter entdeckt. Alleingelassen von seiner nach Freiheit und Aktion drängenden Partnerin entsprechenden Alters findet er den statistisch idealen Urlaubsgefährten in der Gruppe der weibliche Urlauber ab 20. Christine Hagner