München

Das Ärgernis ist unscheinbar, verborgen im zweiten Drittel der Bayerischen Verfassung und im Kleindruck als vierter Absatz des Artikels 131. leicht zu übersehen. Dennoch müssen sich jetzt oberste Verfassungsrichter damit auseinandersetzen, was im Jahr 1946 Bayerns Verfassungsväter (auch damals waren die Frauen hoffnungslos in der Minderheit) als ein Bildungsziel der Schule für so wichtig erachteten, daß sie es sogar im „Grundgesetz“ des Freistaates festlegten: „Die Mädchen sind in Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen.“ Was Bayerns erster SPD-Regierungschef Wilhelm Hoegner damals ausdrücklich befürwortete, mag die Münchener SPD-Politikerin Monika Hornig-Sutter heute nicht mehr hinnehmen. Sie legte Verfassungsbeschwerde ein. Ihr Ziel: Der inkriminierte und Frauen diskriminierende Artikel soll entweder aus der Verfassung gestrichen, oder es soll auch den Buben Unterricht in Hausvirtschaft und Säuglingspflege erteilt werden.

Monika Hornig-Sutter, 39 Jahre alt, promovierte Kunsthistorikerin, Mutter von vier Kindern und bis zum Herbst Abgeordnete im Bayerischen Landtag, hält den Artikel über die Hauswirtschaft für nicht vereinbar mit der Verfassung, weil die darin vorgegebenen Arbeiten „nicht zu den geschlechtsspezifischen Aufgaben der Frau gehören, sondern in einer arbeitsteiligen Ehe ebenso vom Mann wahrgenommen werden können“.

Bayerische Sozialdemokraten waren nicht immer dieser Meinung. So ließ „Verfassungsvater“ Hoegner zu der Zeit, als Monika Sutter gerade drei wurde, noch verkünden, die „Mädchenbildung“ müsse nun ganz andere Wege gehen als zuvor in den zwölf Jahren Nazi-Herrschaft. Hoegner: „Da die Geschlechter verschieden sind, braucht die Ausbildung für beide durchaus nicht die gleiche zu sein.“ Und, so Hoegner 1945: „Gerade für die Frau ist es nicht so sehr wichtig, sich Wissen anzueignen, eine Gelehrte zu werden und hier dem Manne Konkurrenz zu machen, sondern die Frau, das Mädchen soll vor allem ihrer Urbestimmung zurückgegeben werden.“

Was immer das auch bedeuten sollte, Hauswirtschaft allein kann es nicht gewesen sein, meint heute die Gelehrte Monika Hornig-Sutter. Die Männer davon zu überzeugen, ist ihr freilich bis jetzt noch nicht gelungen. Ihr erster Vorstoß, die Verfassungsvorschrift zu ändern, wurde im von Männern – beherrschten Landtag schon abgeblockt. Im kulturpolitischen Ausschuß, wo sie mit ihrer Fraktionskollegin Christa Meier gefordert hatte, die Fächer nicht „geschlechtsspezifisch“, sondern „interessenabhängig“ für all jene zu unterrichten, die das wünschen, fand sie bei der regierenden CSU nur einen Fürsprecher.

Kultusminister Hans Maier belehrte sie, daß Handarbeiten „zur Vorbereitung der jungen Mädchen auf ihre künftige Rolle als Mutter und Hausfrau“ gehöre und daß er, der Herr Minister, „im Hinblick auf die naturgegebenen Wesensunterschiede der Geschlechter“ darin keinen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz sehe. Bei soviel ministeriellem Durchblick vermochte die Süddeutsche Zeitung nur noch zu spötteln, „die Einführung eines interessenabhängigen Handarbeits- und Werkunterrichts“ habe doch nur zur Folge, „daß der ohnehin schon pausenlos entrechteten Frau ihre letzte Waffe, nämlich die Nähnadel, schlankweg aus der Hand geschlagen würde – und dies kann nun wirklich nicht der Sinn liberaler Bildungspolitik sein“.

Ob die Verfassungsrichter dies auch meinen, hofft die SPD-Politikerin im nächsten Jahr zu erfahren. Bis jetzt hat sie bei den eigenen Parteifreunden zwar wenig Resonanz gefunden, dafür aber um so mehr Briefe von Eltern erhalten, die sich ihrer Meinung anschließen. Nur einige wenige beschimpfen sie als „dumme Emanze“, zumal sie mit dem Verfassungsartikel auch noch eine Bestimmung der Schulordnung zu Fall bringen will: daß in sozialwissenschaftliche Gymnasien nur Mädchen aufgenommen werden dürfen. Lediglich an den Grundschulen hatte ihr Einsatz schon Erfolg; Dort dürfen seit einiger Zeit auch Buben am Handarbeits- und Werkunterricht teilnehmen.

Sollten die höchsten Verfassungsrichter kein Einsehen haben, will Monika Hornig-Sutter ihren letzten Trumpf spielen. Eine ihrer Tochter ist seit kurzer Zeit auf dem Gymnasium, und die Politikerin forderte den Direktor auf, das Kind vom Haushaltsunterricht zu befreien. Der Schulmann lehnte pflichtgemäß ab und reichte den Fall an die nächste Instanz weiter. Kommt auch vom Kultusministerium ein „Nein“, dann ist für Monika Hornig-Sutter der Weg frei zur Klage beim Verwaltungsgericht – nicht mehr als SPD-Politikerin, sondern schlichtweg als Mutter. Rolf Henkel