Von Karl-Heinz Janßen

Als Josef Stalin 1939 der Welt seinen außenpolitischen Kurswechsel anzeigen wollte, ersetzte er seinen Außenminister Litwinow durch Molotow. Litwinow stand für die Zusammenarbeit mit den Westmächten, Molotow bereitete den Pakt mit Hitler vor. Ist etwa die Abberufung des chinesischen Außenministers Huang Hua – er hatte die Versöhnung mit Amerika eingeleitet – ein ähnliches Signal? Will sich die aufstrebende fernöstliche Weltmacht, das Milliardenvolk der Chinesen vom Westen abwenden? Werden die benachbarten Riesenreiche wieder, wie in den fünfziger Jahren, zu einem scheinbar "monolithischen Block" zusammengeschweißt? Wird gar Maos berühmte Proklamation aus der Zeit des Vietnamkrieges wieder aufgewärmt ("Völker der Welt, vereinigt und verteidigt euch gegen die amerikanischen Aggressoren!")?

Kein Zweifel: Der Westen wird nervös. Zu schön und bequem war die Vorstellung von ewiger Feindschaft zwischen den kommunistischen Supermächten und von wachsender Freundschaft zwischen China und Amerika, als daß nicht das jüngste chinesisch-sowjetische Techtelmechtel in Moskau alle Außenpolitiker von Washington bis Bonn und Tokio beunruhigen müßte. Die geheimen Befürchtungen (offiziell wird Gelassenheit simuliert) über einen chinesischen Kurswechsel setzten bereits im Frühherbst ein, als die Führer in Peking das Tempo der beiderseitigen Annäherungsversuche unverhofft beschleunigten.

Nun, nach dem Tod Generalsekretär Breschnjews, haben beide Seiten die Chance des Neuanfangs genützt. Der Stand der Dinge läßt sich in Minuten messen: Andropow, der neue Parteichef, hat Während des Trauerempfangs im Kreml mit keinem Staatsmann so lange gesprochen wie mit dem chinesischen Delegationsleiter Huang Hua, und dessen zweistündiges Gespräch mit Außenminister Gromyko dauerte dreimal so lange wie das Gespräch des amerikanischen Vizepräsidenten Bush mit dem Kremlchef. "Aufrichtig und friedlich" sei es zugegangen, hieß es im Kommuniqué. Das ist unter kommunistischen Rivalen schon viel. Herzlichkeit nach zwanzigjähriger Feindschaft konnte keiner erwarten, freilich auch nicht diesen Nachruf Huang Huas, der Breschnjew einen "außergewöhnlichen Staatsmann" nannte, eine Nettigkeit, wie sie seit Stalins Zeiten noch kein Sowjetführer aus Peking zu hören bekam.

Glaubwürdig versichern China-Experten, daß der fast 70jährige Huang Hua wirklich aus Krankheitsgründen ausgeschieden ist; er bleibt Vizeministerpräsident und damit Ratgeber. Sein Nachfolger, der 60jährige Wu Xuegian, ist keineswegs, wie erste Falschmeldungen nahelegten, ein "Ostexperte", vielmehr ein Kenner der Dritten Welt. Als Jugendfunktionär ist er vor der Kulturrevolution weit herumgekommen, war allerdings auch zweimal als Besucher in Moskau und mehrmals in Ostblockländern. Bedeutsamer ist jedoch, daß er systematisch als Nachfolger des altbewährten Huang aufgebaut wurde und zum Clan des neuen Partei-Generalsekretärs Hu Jaobang gehört.

Die Grundlagen für die veränderte Außenpolitik Chinas hat Hu bereits in seiner großen Parteitagsrede im September gelegt. China setzt sich ab von der Politik einer "antihegemonialen Front", die einseitig gegen die Sowjetunion gerichtet war, und kehrt zurück zur Politik der Blockfreiheit und den einst von Außenminister Tschou En-lai entwickelten "Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz". In der Parteipresse, im Schulungsunterricht für die Parteigenossen, aber auch in Gesprächen mit ausländischen Staatsmännern spiegelt sich dieser Wandel deutlich wider: Nicht länger ist die Sowjetunion die gefährlichste Supermacht, sondern Amerika bedroht gleicherweise den Weltfrieden und gefährdet durch seine Hegemoniebestrebungen die Völker der Welt.

Die chinesischen Kommunisten unterscheiden in ihrer Außenpolitik zwischen den Beziehungen der Parteien, der Völker und der Staaten. Zwischen den Parteien gibt es seit Maos Bruch mit Chruschtschows "Gulaschkommunismus" keine Harmonie mehr; allerdings sind seit Maos Tod Zeichen für eine Wiederannäherung zu beobachten. Zum Beispiel werden die Sowjetunion und ihre Satelliten wieder des Ehrentitels "sozialistisch" für wert befunden. Die Abrechnung mit den kulturrevolutionären Überresten der Mao-Zeit erleichtert das ideologische Verständnis. Doch Hu hat in seiner Rede auch die Grenzen einer Zusammenarbeit zwischen internationalen Kommunisten bezeichnet: Es darf nur gleichberechtigte Parteien geben und keine Kontrolle durch irgendein Führungszentrum "Wie jeder weiß, hat unsere unabhängige Außenpolitik dadurch überlebt, daß wir uns dieser Kontrolle widersetzt haben."