Mit der Sorge, daß aus der Krise eine "Große Krise" entstehen und daß der weltweiten wirtschaftlichen Rezession eine internationale Depression folgen könnte, wie sie schon einmal, zu Beginn der dreißiger Jahre, Deutschland und die Welt ins Unglück gestürzt hat – mit dieser Sorge steht Helmut Schmidt unter den Politikern und Ökonomen der Welt keineswegs allein. Keiner aber hat diese Sorge deutlicher formuliert und womöglich schärfer überspitzt als er.

"In tiefer Sorge", so Schmidt vor einigen Tagen in einem Gespräch mit der New York Times halte er "dramatische Entwicklungen" für möglich – vielleicht gar schon in diesem Winter, wenn die führenden Industriestaaten die Kontrolle über die Arbeitslosigkeit verlören und wenn dann noch eine Krise des internationalen Banksystems hinzukomme.

Diese Formulierung mag dramatischer sein als die wirtschaftliche Lage, auf die sie sich bezieht. Vermeidbar sind, trotz der Steigerung der Arbeitslosenzahl in den westlichen Industrieländern binnen eines einzigen Jahres um acht auf dreißig Millionen und trotz einer internationalen Verschuldung von mittlerweile fünf Billionen Mark, sowohl eine gänzlich unkontrollierbare Zunahme der Arbeitslosigkeit als auch gar eine Verschärfung der Krise auf den internationalen Finanzmärkten.

Doch die Sorge, daß es schlimmer kommen könnte, breitet sich aus. Auch die sachverständigen "Fünf Weisen", die am Dienstag in Bonn ihr neues Jahresgutachten über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung veröffentlicht haben, sprechen darin von der Gefahr, "daß die Weltwirtschaft ... in einen kumulativen Abschwungprozeß gerät" – gemeint ist damit, daß sich einzelne negative Kräfte gegenseitig verstärken.

Ein solcher Prozeß der sich gegenseitig verschärfenden Gefahren, Einbrüche und Zusammenbrüche könnte die Welt, Ost wie West, Industrieländer wie Entwicklungsländer, rasch in eine Katastrophe treiben. Weltweit wäre ein solcher Prozeß ganz zwangsläufig, weil Defizite und Schulden alle Länder in einen festen Gefahrenzusammenhang gebracht haben; weil Zusammenbrüche großer Unternehmen oder Banken national kaum mehr abgefedert werden könnten; weil die Konjunktur in fast allen Ländern gleichermaßen unerfreulich verläuft; weil Konsumangst und Investitionsscheu, typische Kinder der Depression, längst schon keine Grenzen mehr kennen; und weil auch fast weltweit eine harte und mit vielen Opfern verbundene Geldpolitik der Notenbanken betrieben wird.

Drohender Handelskrieg

Diese Notenbankpolitik, zumal in den Vereinigten Staaten, hat in erheblichem Maße die Sorgen des früheren Bundeskanzlers hervorgerufen. Zumindest in bezug auf Schmidt täuschen sich mithin die Wirtschafts-Sachverständigen, die ihm in ihrem jüngsten Jahresgutachten eine "friedenstiftende Wirkung" zuschreiben – Schmidt macht, wenn er sich über die deutsche oder amerikanische Notenbank und deutsche Sachverständige äußert, alles andere als einen friedlichen Eindruck. Bei seiner Kritik an den Notenbanken mag freilich die Erinnerung eine Rolle spielen, daß auch die große Depression nach 1929 durch eine übertrieben restriktive Notenbankpolitik miterzeugt worden ist.