Von Helmut Becker

Tokio, im November

Als Ministerpräsident Zenko Suzuki am 12. Oktober nach nur 27 Monaten Amtszeit kapitulierte, glaubte er, seiner „Liberal-demokretischen Partei“ und dem politischen System Japans einen Dienst erweisen zu müssen: Die Chefs der regierenden LDP sollten die Erbfolge nach bewährter Tradition unter Ausschluß der Öffentlichkeit aushandeln und dann der Fraktion einen gemeinsamen Kandidaten präsentieren. Der scheidende Kabinettschef mahnte, den Machtwechsel traditionell „in Harmonie“ zu bewerkstelligen. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung; statt „Harmonie“ entbrannte ein Streit in der Regierungspartei, der durchaus mit ihrer Spaltung enden kann.

In der politischen Nomenklatur Japans heißt „Harmonie“ zwar nicht, daß es keine Konflikte gibt, wohl aber, daß sie hinter den Kulissen ausgetragen werden. Dort übt sich seit Gründung der Partei rund ein halbes Dutzend Parteifürsten in der ebenso diskreten wie intriganten Kleinkunst des Gerangels um Ämter und Einfluß. Der Altherrenriege, bestehend aus ehemaligen Regierungschefs, gilt jede offen vorgeführte Kontroverse als doppelte Versündigung gegen die bestimmenden Ideen der Partei, weil damit ein gefährlicher Machtverlust der LDP-Senioren eingeleitet und zum anderen der Keim einer an Programmen – und nicht an Personen – ausgerichteten Politik gelegt würde.

Seitdem Suzuki Amtsmüdigkeit signalisierte, weiß die LDP-Führung offenbar erst, was sie an ihm hatte. Denn ein Nachfolger mit der Qualifikation Suzukis, „kleinster gemeinsamer Nenner“ und Mann ohne Eigenschaften zu sein, ist nicht in Sicht. Für die rivalisierenden Königsmacher der Partei wurde die Angelegenheit zum Casus belli, für die japanische Demokratie jedoch zur Chance, ein verkrustetes System aufzubrechen.

Die seit Kriegsende praktisch ununterbrochen herrschende LDP hat sich bisher nicht um programmatische Grundauffassungen, sondern um den pragmatischen Kompromiß bemüht. Es gibt weder ein Parteiprogramm noch eine „Mitgliederpartei“, deren Willensbildung von der Parteiführung beachtet werden muß. Die Zentrale der LDP behauptet zwar, rund eine Million Mitglieder zu verwalten, doch diese Zahl wird regelmäßig angezweifelt. Das Fehlen einer Parteibasis und programmatischer Leitlinien hat dazu geführt, daß innerhalb der LDP politische Herzogtümer entstanden sind, die als „Parteien in der Partei“ die Geschicke des Inselreiches bestimmen. Und seit zehn Jahren reduziert sich selbst dieses demokratische Minimum auf eine bittere Fehde zwischen den ehemaligen Ministerpräsidenten Kakuei Tanaka und Takeo Fukuda: im Volksmund schlicht der „Kaku-Fuku-Krieg“ genannt.

Fukuda stürzte im November 1978; damals schickte Tanaka mit Ohira und Suzuki zwei Statthalter seiner Macht erfolgreich ins Rennen. Der Meister selbst – formell nicht einmal mehr LDP-Mitglied – ist fürs erste am Regieren verhindert: Als Angeklagter im Lockheed-Bestechungsverfahren wird er – aller Voraussicht nach im nächsten Jahr – sein Urteil hören. Sollte Tanaka aber in erster Instanz verurteilt werden, könnte sich die Phase der Stellvertreter-Regierungen leicht bis ins nächste Jahrzehnt fortsetzen; sein Kandidat Yasuhiro Nakasone wird offen als „ferngesteuert“ bezeichnet. So lange kann und will der alternde Fukuda mit seinen Anhängern jedoch nicht warten, Deshalb mußte Suzukis treuherziger Harmonie-Appell unerhört verhallen: Fukuda versammelte alle Trabanten und eröffnete „statt friedlicher Gespräche“ den Frontalangriff.