Von Harry Pross

Der Zeitschriftenredakteur muß ein Gärtner sein. Er muß das keimende Talent dort ins Erdreich setzen, wo es aufsprießen kann, er muß Freude und Genugtuung am Werden der aufsprießenden Begabung haben. Sein Ja muß Werte erzeugen. Die zweite Aufgabe lag im Falle Erzberger vor." So schildert Stefan Großmann, Herausgeber der Zeitschrift "Das Tage-Buch", sein Eintreten für den in Not geratenen Matthias Erzberger: "Er war preisgegeben dem Ansturm einer wild gegen ihn gejagten öffentlichen Meinung. Als die Hetze zur Treibjagd wurde, rückte seine eigene Partei ängstlich von ihm ab. Sein Name war im Munde aller nationalen Schreier. Die dümmsten Moralisten nahmen den Mund voll, wenn sie seiner gedachten. Er war isoliert worden, bevor man ihn ermordete. Zu dem Isolierten bahnte ich mir einen Weg ..."

Großmann erzählt das in seinen Memoiren, die 1931 erschienen sind. Aber der Vorgang bezieht sich auf die Zeitschrift "Das Tage-Buch", deren Gründer er war und die er von 1922 an zusammen mit Leopold Schwarzschild herausgab. Die Zeitschrift, die das Zeitgeschehen der Weimarer Republik widerspiegelt wie sonst nur die konkurrierende Wochenschrift "Die Weltbühne", ist in einem Nachdruck wieder zugänglich:

"Das Tage-Buch". Jahrgänge 1920-1933, Herausgegeben von Leopold Schwarzschild und Stefan Großmann. Vollständiger Nachdruck, Athenäum-Verlag, Königstein/Ts., 14 Bände in 4 Kassetten, 998,– DM.

Das Tage-Buch rechnete schon im ersten Heft mit urteilsfähigen Lesern. Die Herausgeber Stefan Großmann, bis dahin Feuilletonredakteur der "Vossischen Zeitung" im Hause Ullstein, und "der blonde Hüne aus Bremen" Ernst Rowohlt, hofften auf "eine Verschwörung der schöpferischen Köpfe, neben, über, trotz den Parteien". "Das Tage-Buch" wollte lieber berichten als urteilen, lieber Material zur Urteilsbildung bringen als das Urteil selbst; es hat diesen Vorsatz nicht ausführen können. Schon der eingangs zitierte Fall Erzberger zeigte die Wochenschrift auf der Höhe ihrer Fähigkeit, Stellung zu nehmen. Ein Zwergunternehmen; das nie über 15 000 Auflage hinauskam, blieb ihm – ganz wie der "Weltbühne" – keine andere Wahl, als Position zu beziehen.

Zu Großmann, der von Peter Altenberg bis Stefan Zweig ungefähr dieselben Mitarbeiter gewann, die schon die "Schaubühne" und die Feuilletons der überregionalen Zeitungen beackerten, stieß bald Leopold Schwarzschild, ein junger Wirtschaftsjournalist aus reichem Frankfurter Judentum, Großmann selber war aus Wien, von kleiner jüdischer Herkunft, Sozialist unter dem Eindruck Victor Adlers. Aber die Stadt, die den Boden für diese Zeitschrift abgab, war Berlin – Berlin, das durch die Republik erst durch Eingemeindungen zu Großberlin geworden war, als Stadt wuchs, aber man wußte nicht so recht wohin, war doch "das Reich" durch den Versailler Vertrag verkleinert, so daß es eigentlich keine größere Hauptstadt gebraucht hätte. Großmann hat jedenfalls mit der "Fähigkeit, den schleimigen Rüssel in jede, einfach in jede Blüte zu tauchen", die ihm Siegfried Jacobsohn von der "Weltbühne" bescheinigte, eine großartige Zeitschrift gegen die Großartigkeit der Berliner Ansprüche gemacht.

Der Eindruck, den der Leser nach sechzig Jahren hat, ist zwiespältig. Er ist bestimmt durch das Wissen, daß alle Korrekturen, alle Mahnungen zur politischen Vorsicht, zum Ausgleich mit Frankreich und die gleichbleibende Kritik am Obrigkeitsstaat nichts genützt haben. Ludwig Bauer fragte am 7. Mai 1932: "Wie ist es möglich, beruhigend zu versichern, nun sei der Höhepunkt des Wahnsinns überschritten, es sei ganz undenkbar, daß Hitler jemals auf 51 Prozent der abgegebenen Stimmen komme? Wenn der Nationalsozialismus in zwei Jahren von 19 Prozent auf 48 Prozent kam, weshalb sollte er in Zukunft nicht noch weitere drei Prozent einfangen können ... Warum nicht lieber ‚Nach Paris‘? womit Deutschland und so nebenbei auch noch Europa zu retten wären."