Von Ralf Dahrendorf

Alle reden von der Arbeitslosigkeit. Man kann es verstehen. Noch in der Mitte der siebziger Jahre lag in den OECD-Ländern der Prozentsatz der Beschäftigten, die ohne Arbeit waren, bei drei, allenfalls vier Prozent. Als Milton Friedman die "natürliche Rate der Arbeitslosigkeit" erfand, konnte man sich darüber empören, ohne ernsthaft beunruhigt sein zu müssen. Heute, 1982, liegt der OECD-Durchschnitt der Nichtbeschäftigten bei zehn Prozent. Das bedeutet, daß Großbritannien keineswegs das einzige Land mit einer beträchtlich höheren Arbeitslosenrate ist; sogar die Vereinigten Staaten haben die zehn Prozent jetzt überschritten.

Sachte hat sich die Inflation als böser Geist der Zeit von der Bühne der öffentlichen Diskussion geschlichen. In den meisten Mitgliedsstaaten der OECD sind die Inflationsraten zwar inzwischen einstellig geworden, aber sie bleiben hoch. Wenn es überhaupt eine umgekehrte Beziehung von Inflation und Arbeitslosigkeit gibt, dann addiert diese sich heute nicht mehr zu null. Die entwickelten Industriestaaten gewöhnen sich zähneknirschend daran, mit fünf, sechs, sieben Prozent zu leben, die Beunruhigung sparen sie sich für ihre zehn, elf, zwölf Prozent Arbeitslosigkeit.

Nationale Raten der Arbeitslosigkeit sind für die meisten Zwecke zu allgemein, um aussagekräftig zu sein. Will man zum Beispiel wissen, ob die Arbeitslosigkeit am Anfang der achtziger Jahre schlimmer ist, als sie am Anfang der dreißiger Jahre war, dann muß man in Rechnung stellen, daß die Bezugsgröße der Statistik, also der Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung, heute wesentlich größer ist als vor fünfzig Jahren. Will man mit allgemeinen Theorien nicht Schiffbruch erleiden, dann muß man sich dazu äußern, daß in Schweden das Ansteigen, der Arbeitslosigkeit auf vier Prozent zur Wahlniederlage der Regierungsparteien beigetragen hat, während den Regierungen anderer Länder die Reduktion der Arbeitslosigkeit auf bloße vier Prozent einen Wahlsieg beinahe garantieren würde. Regionale Unterschiede, Unterschiede zwischen Berufs- und Altersgruppen, Unterschiede in der Dauer der Arbeitslosigkeit sind sämtlich wichtig, wenn es um die Detailanalyse der Arbeitslosigkeit und um spezifische Vorschläge zu ihrer Beseitigung geht.

In unserem Zusammenhang ist noch wichtiger, daß auch das Reden von der Beunruhigung über die Arbeitslosigkeit zu allgemein ist. Wer ist beunruhigt, und was sind die praktischen Folgen der Beunruhigung? Die Arbeitslosen selbst sind bekanntlich als Reservearmee der Revolution durchaus ungeeignet. So sehr sie individuell leiden, so wenig eignet sich die Summe des individuellen Leidens zu kollektiver Aktion. Die britische "Arbeitslosengewerkschaft" in den dreißiger Jahren war kurzlebig und als solche wirkungslos. Die deutschen Nationalsozialisten haben ihre Stimme weniger durch die Arbeitslosen als wegen der Arbeitslosen bekommen.

Das ist schon darum nicht überraschend, weil, die Gewerkschaften und die mit ihnen verbundenen sozialistischen Parteien ein zwiespältiges Verhältnis zur Arbeitslosigkeit haben. Es gibt keinen Grund, ihren Beteuerungen nicht zu glauben, daß sie die Arbeitslosigkeit verabscheuen; aber ihr Handeln führt nach wie vor zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit. Nur dort, wo Gewerkschaften selbst zum Teil der Herrschaftsstruktur der Arbeitsgesellschaft geworden sind, in Detroit zum Beispiel, sind sie bereit, im Interesse der Erhaltung von Arbeitsplätzen sinkende Reallöhne bewußt in Kauf zu nehmen. Vergessen wir es nicht: raison detre der Gewerkschaften und des Gewerkschaftssozialismus ist die Beseitigung der Arbeitsgesellschaft, und das heißt immer auch, die Beseitigung der Arbeit. Man wird es den Gewerkschaften nicht vorwerfen können, daß sie mit diesem ihrem Kampf auch dann noch fortfahren, wenn er ihre eigene Kraft in Frage zu stellen beginnt.

Übrigens paßt es in dieses Bild, daß konservative Parteien besonders beunruhigt sind über die wachsende Arbeitslosigkeit. James Alt hat in seinem Buch The Politics of Economic Decline auf Grund von Umfragedaten gezeigt, daß die Arbeitslosigkeit, wie er es ausdrückt, ein "altruistisches Problem" ist. Was er meint, ist, daß sie die Nichtbetroffenen und vor allem die Vielleichtbetroffenen mehr ängstigt als die Betroffenen. Das liegt nicht nur an der Sprachlosigkeit der Betroffenen. Es liegt vor allem daran, daß Arbeit zumindest auch ein Herrschaftsinstrument ist. Wenn sie ausgeht, verlieren die Herren der Arbeitsgesellschaft das Fundament ihrer Macht. Gewiß, konjunkturelle Schwankungen sind erträglich; aber wenn das "Konjunkturelle" zum "Strukturellen" zu werden scheint, dann ist es eine Gesellschaftsstruktur, die in Frage steht, nämlich die der Arbeitsgesellschaft.