Wie das Hasch-Experiment im holländischen Enschede kaputtgemacht wurde

Von Klaus Pokatzky

Enschede

Im Jugendzentrum von Enschede riecht es süßlich. Die meisten Besucher rauchen hin und wieder einen Joint. Das ist nichts Neues, das wird hier seit Jahren so gemacht, ganz offen und unverkrampft – auch wenn der Staatsanwalt gestern erst verboten hat, daß Haschisch auch ganz offen und unverkrampft verkauft wird im "Kokerjuffer" ("Köcherfliege"), einem der zwölf städtischen Jugendzentren des niederländischen Grenzorts Enschede.

Neu sind nur die Kameraleute und die Journalisten, die sich gegenseitig auf die Füße treten. Gerade drehen drei Fernsehteams gleichzeitig; manchmal sind hier mehr Journalisten versammelt als jugendliche Besucher. Enschede ist, bis weit in die Vereinigten Staaten hinein, für kurze Zeit zu einem Symbol liberaler Drogenpolitik geworden. Und die dafür verantwortliche Gesundheits- und Sozialdezernentin Olga Halsema darf tun, wovon deutsche Befürworter der Haschisch-Freigabe seit Jahren nur träumen können: nämlich beinahe jeden Tag in einer anderen Rundfunkanstalt der Bundesrepublik erklären, daß die Cannabis-Produkte Haschisch und Marihuana ungefährlicher seien als Alkohol oder viele Medikamente und deshalb entkriminalisiert gehörten.

Sensationsberichte

Der Besatzung des "Kokerjuffer" geht die Neugierde der Presseleute inzwischen fürchterlich auf die Nerven. Die meist sensationslüsterne Berichterstattung von Bild bis zur Deutschen Presseagentur hatte so viele junge Bundesbürger nach Enschede geführt, daß der Betrieb im "Kokerjuffer" zunächst empfindlich gestört wurde. Die Druckerwerkstatt für Plakate, das kleine Photolabor, die Bastelwerkstatt funktionierten nicht mehr wie gewohnt; das Jazzballett fühlte sich ebenso eingeschränkt wie die fünf Bands, die einmal in der Woche für Rock und Punk, Funk und Folk einen kostenlosen Übungsraum finden. Etwa 1200 Jugendliche besuchen den "Kokerjuffer" regelmäßig jede Woche; davon kam immer schon ein rundes Fünftel aus deutschen Landen.