ARD, Freitag, 19. November: "Deutscher Alltag – Genosse Lunow – Oberbürgermeister von Wismar"; Bericht von Werner Filmer

Ein Propagandafilm, wird es heißen, eine Dokumentation, die, im Westen ausgestrahlt, offenbar von der DDR in Auftrag gegeben worden sei. Oh, wunderschöner Sozialismus, oh, Paradies der Arbeiter und Bauern. Die Städte schießen in die Höhe und werden zugleich freundlicher, die Menschen sind vergnügt, der Rat der Stadt wacht nach lutherischer Hausväter- und Hausmütterweise über das Wohl der Kleinen und Großen, und schlecht ist nur das Wetter.

Ein Hoch aufs rote Wismar und sein Stadtoberhaupt, Genossen Lunow, der, wie Eltern und Großeltern, zwischen Nikolai- und Marienkirche, dem Alten Schweden und der Wasserkunst groß geworden ist? Jawohl, ein Hoch – aber eins, das mit verhaltener Stimme gesprochen wurde. Indem der Autor vom nahen Lübeck da drüben sprach, das so unendlich weit entfernt sei, kam, ohne daß große Worte zu machen waren, die Zonengrenze mit ins Gespräch, gewann neben dem schönen Sichtbaren, der Gerichtslaube am Rathaus oder dem Markt, auch das häßliche Unsichtbare, die Betonwand zwischen Lübeck und Wismar Gestalt. Da schilderte ein Mann, Werner Filmer, wie sich die nahe Ferne ausnimmt, Wismar aus der Perspektive von Köln und Hamburg, wie exakt das eine mit dem anderen vergleichbar ist, von der Monotonie der Trabantenstädte bis zu den Freizeitanlagen, und wie unvergleichbar dennoch das Gesamt bleibt, hüben und drüben – drüben, wo die Straßen leer, die Plakate langweilig und die Menschen entgegenkommend sind. Drüben, wo ein West-Auto früh morgens durch eine Landschaft fuhr, in der es still war – die Gehöfte weit voneinander entfernt, gelegentlich ein Lastkraftwagen oder ein Traktor. Dazu die Stimme im Autoradio, die irgendwelche unbekannten Kreisvorsitzenden mit einer Selbstverständlichkeit zitierte, als ob es um Breschnjew oder Honecker ginge.

Impressionen zwischen Rostock und Wismar, gesammelt von einem Mann, der zugeben mußte, daß er dies nicht erwartet hätte – nicht die herbstliche Idylle in einem Land, das, im Hinblick auf die Türme, mehr an Caspar David Friedrich erinnerte, als daß es die Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts präsentierte.

Aber damit des Staunenswerte noch nicht genug: Das eigentliche Wunder sollte erst kommen, und dies Wunder hieß Lunow. Genosse Azdak hatte er heißen können, und Bertolt Brecht hätte die Mütze vor ihm gezogen: Was für ein Kerl, dieser Lunow, in seiner biedermännischen Schlitzohrigkeit, den Grientje im Gesicht, und der Souveränität, mit der er, Schreiner und Staatswissenschaftler, Kind des Volks und mit allen Wassern gewaschener Kommunalpolitiker, seine Sprüche an den Mann brachte. Ein roter "Ich bin der Größte der von Schrebergärten, Enkelkindern und Fahrradwegen erzählte – und jeder Satz ein Prankenschlag, aber mit Pfiff, ein auf die Schulter Hauen, aber mit Blinzeln: Tscha, dat mußt du nun glöven, min Söhn. Onkel Bräsig schrieb das Kommunistische Manifest – mit Schalk in den Mundwinkeln, und jenem Blitzen der Augen, das ein Widersprechen für unklug erklärt. Und dann, plötzlich, die Verlegenheit, bevor die Delegation aus Calais ins Amtszimmer kommt, ein von einem Bein aufs andere Treten, mein Gott, Lunow, französisch müßtest du können, nicht nur Mecklenburger Platt! Eine Sekunde lang wurde der plebejische heiß aus dem Bilderbuch der Literatur ein liebenswerter aufgelegter Mensch wie du und ich. Doch dann sofort wieder die joviale Majestät, der, vielleicht, einmal ein Nachfahr des Hofbaumeisters Barca ein Ehrenmal setzen wird – dem Genossen Lunow aus Wismar, der jetzt zum Patriziat des Sozialismus gehört, aber, dies bewies seine Rede, den Wollweber Claus Jesup nicht vergessen hat, der einst gegen die Patrizier zu Felde zog.

Ein Film, der zum Ausmalen, Weiterdichten und Nachspinnen anregte, zum Fragen und zum Widerspruch: Ob es am Ende doch ein wenig zu schön geraten sei, das Porträt des Ratsvorsitzenden der Hafenstadt Wismar? Ob er, Werner dimer, diesem Mordskerl von Lunow am Ende ganz und gar auf den Leim gegangen sei?

Möglich wäre es schon – und ein Kompliment für beide, den Gast, der sich dies eingestand, und den Gastgeber, dessen Schmunzeln anzeigte: Nun sagt mal selbst, Leute da drüben, war ich nicht gut? Und so was, Kinder, ist nun Kommunist! Momas