Von Petra Kipphoff

Eine Arkadenflucht zieht sich in die Tiefe des Raums, aber die Bögen und die darüberliegenden Fensterreihen sind dunkel und leer. Ein Schatten fällt ins Bild, aber ihm fehlt der Besitzer. Am Bahnhofsgebäude flattern die Wimpel, aber die Rauchfahne der einfahrenden Lokomotive bleibt massig und fest wie Schlagsahne. Der Renaissancebau ist gleichzeitig Bahnhofshalle, der Fabrikschornstein ist Turm von Pisa und vice versa. Eine Statue hat die Dimensionen eines Menschen, zwei Menschen dahinter sind flache Schatten. Plätze, Züge, Häuser sind, entgegen ihrer Bestimmung leer und ohne Leben. Die Uhr steht auf fünf Minuten vor halb zwei, aber die langen Schatten sagen, daß es schon später Nachmittag ist.

Die Bilder von Giorgio de Chirico (dem de Chirico der "metaphysischen" Periode von 1911 bis 1919) haben ein Air von "High Noon": Eine Spannung baut sich auf, nicht aus brutalen Kontrasten und heftiger Bewegung, sondern aus dem Nebeneinander des Wahrscheinlichen und des Unwahrscheinlichen, in der Stille des leeren Augenblicks. Die Stimmung schwankt zwischen Erregung und Bedrückung, Lähmung und Explosion, aber, anders als in "High Noon", fällt in den Szenarien, die Giorgio de Chirico aufbaut, nie der Schuß, der die Stille zerreißt und die Spannung in die Aktion entläßt.

"Et quid amabo nisi quod aenigma est?" schrieb de Chirico, dreiundzwanzig Jahre alt, unter das erste von ihm bekannte Selbstbildnis, ein alter junger Mann, in Denker-Pose, nicht der Zukunft auf der Spur, sondern dem Enigma, dem Geheimnis verfallen. Er war zu dieser Zeit gerade von einer Nervenkrise genesen, mit seiner Mutter zu seinem Bruder Alberto Savinio nach Paris gezogen, und er malte hier die Bilder, die die Surrealisten um Breton und Apollinaire in Ekstase versetzten: Max Ernst, Magritte und Tanguy sind wie elektrisiert, als sie das erste Bild von de Chirico sehen. Aber auch heute, nach tausendfachem Abbildungsverschleiß, haben "Das Lied der Liebe", das "Bildnis Guillaume Apollinaire" oder "Der Prophet" ihr Geheimnis und damit ihre Kraft behalten. Es sind Auskünfte über die Welt der zerstörten Kontexte, in der wir uns bewegen, gültige Formulierungen über das Lebensgefühl unseres Jahrhunderts, wie sie auf andere Weise Franz Kafka gegeben hat. Und es sind Formulierungen, die nicht aus der Lust am Schockierenden (wie oft beim Dadaismus) oder der Beschwörung des Unterbewußten (wie bei den Surrealisten) kamen, sondern die im vollen Bewußtsein der Tradition und des konstatierten Verlustes geprägt wurden. Die wenige Jahre später erfolgte Rückwendung de Chiricos zur traditionellen und sogar historisierenden Malerei, die die Surrealisten entsetzte und die noch heute als Affront wirkt, läßt sich nicht aus dem Stil, wohl aber aus dem Geist dieser Bilder durchaus erklären.

In seinen "metaphysischen" Bildern hatte de Chirico keinen neuen Stil geschaffen (wie die Surrealisten meinten, die den späteren de Chirico so sehr bekämpften, wie sie den frühen gefeiert hatten). Er hatte vielmehr das geheime Leben der Dinge "jenseits des gewohnten Blickfeldes und unserer allgemeinen Erfahrung" (de Chirico) und den Schrecken des Disparaten sehen und im Bild darstellen gelernt. Er hatte in München, wohin er, als Kind italienischer Eltern 1888 in Griechenland geboren, nach dem frühen Tod des Vaters kam und Student der Akademie wurde, in Klinger und Böcklin seine künstlerischen, in Schopenhauer und Nietzsche seine geistigen Väter gefunden. In Schopenhauers "Parerga und Paralipomenona" hatte er den Satz gelesen: "Um originelle, außerordentliche und vielleicht gar unsterbliche Gedanken zu haben, ist es hinreichend, sich der Welt und den Dingen auf einige Augenblicke so gänzlich zu entfremden, daß einem die allergewöhnlichsten Gegenstände und Vorschläge als neu erscheinen, als wodurch eben ihr wahres Wesen sich aufschließt." Und de Chirico, der auf dem Umweg über Deutschland seine Verwurzelung in der Antike und in Italien begriff, schrieb selber: "Die Kunst wurde durch die modernen Philosophen und Dichter befreit Nietzsche und Schopenhauer lehrten als erste die tiefe Bedeutung des Nicht-Sinns des Lebens und wie dieser Nicht-Sinn verwandelt werden könnte in Kunst." Und später: "Die guten neuen Künstler sind Philosophen, welche die Philosophie überwunden haben... Wir Metaphysiker haben das Reale heilig gesprochen... Wir aber kennen die Buchstaben des metaphysischen Alphabets. Wir wissen, welche Freuden und welche Schmerzen ein Portikus, eine Straßenecke, ein Zimmer, eine Tischplatte, die Seiten einer Schachtel bergen."

Den Portikus und die Tischplatte und, später in Ferrara, die Gliederpuppen und die mit Linealen, Winkeln und anderen Meßwerkzeugen und Staffeleien vollgestellten Zimmer: de Chirico malt sie kühl und flächig, durchaus auch in Kenntnis des Kubismus, aber ohne jede Spur einer persönlichen Handschrift, einer stilistischen Invention. Seine Handschrift liegt in der Inszenierung. So, wie er in aller pathetischen Sachlichkeit Antike und Gegenwart, Banales und Hehres nebeneinander stellt, das Monument neben die Banane und den Gummihandschuh neben die Büste, so bringt er auch in einem Bild die streng konstruierten Perspektiven durcheinander, benutzt die Präzision der Geometrie zur Verwirrung, führt die Signale der Orientierung ad absurdum. "Die Metaphysik", so schreibt er, "liegt in der Komposition und in der Atmosphäre, die sich aus der Einordnung der Dinge und aus ihrem Verhältnis zueinander und zur Leinwand ergibt"; und er weist jede symbolische Betrachtung oder allegorische Überhöhung des "metaphysischen Alphabets" zurück. Die Symbole sind leer, aber die Gegenstände haben einen doppelten Boden.

Von den "metaphysischen Landschaften" de Chiricos hatte 1913 als erster Apollinaire gesprochen, und de Chirico übernahm das anspruchsvolle Etikett nicht ungern, gründete 1917 mit dem von den futuristischen Malerfreunden enttäuschten Carlo Carrá, den er in Ferrara beim Militärdienst traf, die "Scuola Metafisica", zeigte sich 1920 auf einem Selbstbildnis mit einer Tafel in der Hand, auf der er die frühere Selbstbildnisfrage variierte: "Et quid amabo nisi quod rerum metaphysica est?"