Von Sigrid Löffler

Annäherung per Telephonbuch: Die Schwarzenbergs nehmen eine halbe Spalte im amtlichen Wiener Telephonverzeichnis ein, reichend von der Schwarzenbergschen Administration (Palaisverwaltung, Gartenverwaltung, Zentralkanzlei) bis zum Schwarzenbergschen Schützenverein, Mittendrin: Schwarzenberg Karl, Erbprinz von. Das "von" stimmt, der "Erbprinz" nicht. Seit dem Tode seines Onkels Josef darf sich Karl Johannes Nepomuk Josef Friedrich Anton Vratislav Mena "Fürst" von Schwarzenberg nennen. Den Titel "von", in Österreich seit 1919 mittels "Gesetz über die Aufhebung des Adels, der weltlichen Ritter- und Damenorden" abgeschafft, trägt Karl Johannes dennoch zu Recht: Er ist Schweizer Staatsbürger, seine Familie besitzt seit 275 Jahren das Zürcher Bürgerrecht.

Annäherung per Stadtführer: Im Wiener Kunst- und Kulturlexikon figuriert das Palais Schwarzenberg am Rennweg Nummer 2 prominent. Es gilt als erstes Hauptwerk Johann Lucas von Hildebrandts, des großen Barockarchitekten Wiens. Gerühmt wird die Innenausstattung des Palastes, besonders der Kuppelsaal mit einem Deckenfresko von Daniel Gran, das durch einen Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde. Erwähnt wird ein "prachtvoll terrassierter Garten (nicht öffentl. zugängl.)" und eine Reitschule und eine Orangerie nach Plänen von Andrea Altomonte.

Auch zum Thema "Schwarzenbergplatz" weiß der Stadtführer etliches zu melden. Die riesige Platzanlage zwischen Ring und Palais sei nach der Schleifung der Stadtmauern und nach der Regulierung und Überwölbung des Wienflusses im Jahr 1857 entstanden. Der Platz weise drei Wahrzeichen auf: das Schwarzenberg-Denkmal, ein kolossales Reiterstandbild aus Bronze für Feldmarschall Karl Philipp Fürst Schwarzenberg, einen der Sieger der Schlacht von Leipzig gegen Napoleon; den Hochstrahlbrunnen, eine nächtens buht angestrahlte, kolossale Fontäne, die anläßlich der Vollendung der ersten Wiener Hochquellenwasserleitung in Betrieb ging; und schließlich das Befreiungsdenkmal, im Volksmund "Erbsenkönig" genannt, die Statue eines Rotgardisten mit Fahne in der Hand, 32 Meter hoch und im stalinistischen Kolossalstil, der den Reiterfürsten und die Riesenfontäne mühelos verzwergt. Mit dem Denkmal auf dem kurzfristig "Stalinplatz" genannten Gelände wollten die Sowjets an die Befreiung Wiens durch die Rote Armee im April 1945 erinnern. Die Gemeinde Wien ist verpflichtet, das Denkmal instandzuhalten, zu bewachen und notfalls zu restaurieren. Mit Blick auf das eigentlich platzbeherrschende Palais, das sich jetzt hinter dem Rotarmisten duckt, bemerkt der Stadtführer zurückhaltend, diese beherrschende Wirkung sei durch das Befreiungsdenkmal "beeinträchtigt". Von Karls Onkel Josef wird der Ausspruch kolportiert, mit dem er sich nach Einladungen von seinen Gastgebern zu verabschieden pflegte: "Ich geh’ jetzt nach Haus, auf den nach mir benannten Stalinplatz."

Annäherung per Geschichtsbuch: Die österreichische Geschichte kennt von dem fränkischen Uradelsgeschlecht der Schwarzenbergs, Reichsfürsten seit 1670 und mit reichem Besitz in Steiermark, Krain und Böhmen, vor allem drei Vertreter – einen Freiherrn Johann aus dem 15. Jahrhundert, den Verfasser der Bamberger Halsgerichtsordnung; den Feldmarschall Karl Philipp, den von der Völkerschlacht; und den Fürsten Felix, der 1848, nach der Niederschlagung der Revolution, der erste Ministerpräsident des jungen Kaisers Franz Joseph wurde.

Karl Johannes Fürst Schwarzenberg steht nicht im Geschichtsbuch. Wahrscheinlich wird er auch nie im Geschichtsbuch stehen. Er ist 45, verheiratet mit einer Ärztin, Dr. Therese Hardegg, hat drei Kinder und einen unscheinbaren Beruf – Land-, Forst- und Gastwirt. Nichts an diesem Beruf hat er sich ausgesucht, es ist ihm durch Erbschaft zugefallen. Eigentlich stammt Karl Johannes nicht von dem Feldmarschall ab, "der dort vorne auf dem Pferd reitet", sondern von der böhmischen Linie der Schwarzenbergs, die als reichsunmittelbare Duodezfürsten praktisch einen eigenen Mini-Staat mit eigener Gerichtsbarkeit in Böhmen regierten – zu ihrer besten Zeit ein Territorium von 640 000 Hektar Land. Aber, so Karl Johannes, "Böhmen ging sukzessive verloren". 1918 durch die Bodenreform, 1940 durch Konfiskation (die Schwarzenbergs waren deklarierte Antifaschisten), 1947 durch "glatte Enteignung mittels Lex Schwarzenberg". Karl Johannes, in Prag geboren, von tschechischen Hauslehrerinnen erzogen, hat seine Volksschulprüfungen auf Tschechisch abgelegt und spricht heute noch vorwiegend tschechisch mit seinem Vater. 1948 übersiedelten die böhmischen Schwarzenbergs, enteignet und verarmt, nach Österreich.

Das Glück – wenn’s ein Glück ist – traf Karl Johannes nach dem Abitur, als er gerade, studiumsunlustig, sich bei BP um einen Job bewarb. "Da eröffnete mir mein Onkel Heinrich, der von der österreichischen Linie, vom Feldmarschall, abstammt, der dort vorne auf dem Pferd reitet, daß ich Schwarzenberg übernehmen soll." Quasi über Nacht war der verarmte Aristokrat – von seinem sohnlosen Onkel adoptiert – "Erbprinz" einer äußerst wohlhabenden Dynastie. Der heutige Fürst ist Eigentümer nicht nur des Familienpalais hinter dem Erbsenkönig, das schon von seinem Onkel und Adoptivvater zum Hotel umgebaut wurde; er zählt auch zu den größten Waldbesitzern Österreichs – die Schwarzenbergsche Forstdirektion in Murau in der Steiermark umfaßt 22 000 Hektar Waldfläche; er besitzt Sägewerke und Steinbrüche, züchtet Forellen, ist an einem Marmorbruch beteiligt und an einer Discountkette namens "Teppichland" und trägt die Verluste des Baustoffwerkes Iso-span. Sein Schloßhotel und sein Restaurant sind klein, aber fein: