Das Lob hätte kaum schmeichelhafter ausfallen können. "Eine der überraschendsten Entdeckungen bei dem langen und bisher so frustierenden Bemühen, Krebs zu verstehen", schrieb die britische Wissenschaftszeitschrift Nature in einem Kommentar zu drei Fachberichten, die das Blatt am 11. November veröffentlichte.

Die Erregung der Krebsforscher und Molekulargenetiker über die Entdeckung menschlicher Krebs-Gehe (siehe ZEIT Nr. 22 vom 28. Mai 1982) erreichte damit einen neuen Höhepunkt. Etwa ein Dutzend solcher natürlich vorkommender Erbsubstanz-Bruchstücke sind heute bekannt: Gewöhnlich nützliche Gene, die sich gelegentlich gegen ihre Besitzer wenden und Krebs auslösen, Jetzt publizierten zwei amerikanische Forschergruppen um Robert Weinberg vom Massachusetts Institute of Technology und Mariano Barbacid vom Nationalen Krebsinstitut in Bethesda (Bundesstaat Maryland) die erste detaillierte Analyse eines solchen Gens in Nature – Atom für Atom.

Das entschlüsselte Gen stammt aus laborgezüchteten Zellen eines menschlichen Blasenkrebsgewebes. Es war – wie auch andere gezüchtete Krebs-Gene – dank seiner Eigenschaft entdeckt worden, in Mäusen Tumore auszulösen. Darüber hinaus gleicht es, wie andere Krebs-Gene auch, der Erb-Einheit eines Virus, das Geschwulste in Tieren hervorruft (in diesem Fall in Mäusen). Und drittens ähnelt es einem Gen, das in allen Körperzellen vorkommt.

Die meisten Forscher sahen in dieser dreifachen Übereinstimmung einen Hinweis darauf, daß der Schlüssel zum Krebsproblem eine Überproduktion eben jenes Gens sein könnte. In Tieren würden Viren das fatale Produktionssignal geben. In Menschen, die gewöhnlich nicht von tierischen Viren bedroht sind, vermuteten die Wissenschaftler einen "Ausbruch" des Gens aus der normalerweise strengen Überwachung durch den genetischen Apparat – ein Ausbruch in eine Chromosomen-Region, in der die fremdgehende Erb-Einheit häufiger zum Einsatz käme.

Doch diese Vermutung kann, wie Weinberg und Barbacid nun berichten, nicht die ganze Geschichte sein. Denn die beiden Forschergruppen entdeckten einen winzigen Unterschied zwischen dem aktiven Krebs-Gen aus menschlichen Blasenkrebszellen und der entsprechenden Erb-Einheit aus gesundem Gewebe: Einer der genetischen Buchstaben, deren Reihenfolge die Erbinformation speichert, ist vertauscht.

Das Krebs-Gen weist – wie andere Gene auch – die Zelle an, einen bestimmten Eiweißstoff (Protein) herzustellen. Dabei bewirkt der veränderte genetische Buchstabe, daß auch in dem Protein ein Eiweißbaustein (eine Aminosäure) vertauscht ist – nämlich die zwölftletzte Aminosäure in einer Eiweißmolekül-Kette aus rund 200 solcher Bausteine: An Stelle der Aminosäure Glycin sitzt dort Valin.

Über die Folgen des molekularen Tippfehlers können die Forscher nur spekulieren. Denn sie wissen nicht einmal, welche Funktion der normale – "gesunde" – Eiweißstoff hat: Die Substanz mit der schlichten Nummer p21 (= Protein mit dem Molekulargewicht 21 000) scheint sich an bestimmte Membranen innerhalb der Zelle anzulagern. Wie diese einfache Veränderung im Molekül Krebs auslösen soll, ist völlig offen. Immerhin sind Krankheiten wie die Sichelzellenanämie bekannt, bei denen der Tausch eines einzigen genetischen Buchstabens schlimme Folgen hat.