Von Klaus Viedebantt

Mama Bahia, eine der zahlreichen, rundum prallen Straßenköchinnen, hockt vor ihrer Futterkiste. Ihr schwarzer Kopf und ihr weißer Turban wiegen sich im Samba-Rhythmus, der in voller Lautstärke aus dem Schallplattengeschäft im Hintergrund schallt. Dann wechselt die Musik, und Bahia ändert ihren Rhythmus: "Da Da Da" – Neue Deutsche Welle auf dem Terreiro de Jesus, dem kathedralengesäumten Platz in der Oberstadt von Salvador da Bahia.

Mit dem Klang wandelt sich fast unmerklich und sicherlich unbewußt die Gehweise der Passanten. Die Stadt, so scheint es, lebt mit Musik. Die jungen Mädchen, glücklicherweise nicht alle so schön wie sie von den Plakaten brasilianischer Verheißungen herablächeln, lassen die jeansverpackten Hüften (die mehrlagigen Röcke tragen nur noch Straßenköchinnen) ein wenig anders schwingen, die Männer lassen ihre Füße für ein paar Meter in neudeutschen Schritt verfallen, ehe sie wieder in den akustischen Wirkungskreis der vier brasilianischen Musikanten geraten, die mitten auf dem Platz ein improvisiertes Konzert geben. Den Händlern, die hier Tand und Trödel, Kunsthandwerk und Souvenirfummel feilbieten, sind die Musikanten ebenso recht wie der Geschichtenerzähler. Beide dienen der eigenen Unterhaltung und als Lockruf für Touristen. An denen mangelt es ohnehin nicht, Salvador da Bahia schmeichelt sich, die größte Fremdenverkehrsattraktion des Landes nächst Rio zu sein. Zu Recht, auch wenn es vornehmlich Brasilianer und südamerikanische Nachbarn sind, die des Landes einstige Hauptstadt (1549 bis 1763) besuchen.

Salvador war eine reiche Stadt, die günstige Lage in der von Amerigo Vespucci entdeckten Baia de Todos os Santos, der "Bucht aller Heiligen", machte die schnell aufstrebende Hafenmetropole zum Hauptumschlagplatz für die Im- und Exporte der portugiesischen Kolonie. Ausgeführt wurde vornehmlich Zucker, eingeführt’ wurden Sklaven aus Westafrika, die für die harte Arbeit in den Zuckerrohrplantagen gebraucht wurden. Es waren grauenvolle Jahre für die Opfer dieser betont christlichen Herrscher, und es ist wie ein Hohn der Geschichte, daß die Stadt heute auf vielfältige Weise von dieser unmenschlichen Zeit profitiert.

Zum einen wurde damals der Grundstein für den jetzt 1,2 Millionen Einwohner zählenden Handels- und Wirtschaftsplatz gelegt; heute ist Salvador einer der wichtigsten Häfen Brasiliens. Zum anderen schufen der Reichtum der Pflanzer und die Prunkliebe der Herrschenden ein Stadtbild, das mit barocken Palästen und Dutzenden von Kirchen und Kathedralen ein einzigartig schönes Bild kolonialer Herrlichkeit hinterlassen hat. Kein Winkel des alten Stadtkerns, an dem man nicht nach wenigen Metern Fußmarsch auf die Monumente sakraler Baukunst stößt, sei es in den Hafenquartieren der Unterstadt oder in der auf einem achtzig Meter hohen Felsen ruhenden Oberstadt. Über 160 Kirchen und Kathedralen birgt Salvador. Manch eine wird wohl auch entstanden sein, weil sich die menschenverachtenden irdischen Herren das Seelenheil erkaufen wollten. Anders läßt sich die Üppigkeit kaum erklären, mit der manche dieser Gotteshäuser ausgeschmückt wurden. Zwei der berühmtesten Beispiele stehen Wand an Wand, am Ende der Praça Anchieta, eine Verlängerung des Terreiro de Jesus, des Jesus-Platzes: Kirche und Konvent der Franziskaner und die "Kirche des Verehrenswürdigen Dritten Ordens des Heiligen Franziskus". Letztere trägt ihre Schönheit nach außen, mit einer Fassade in spanischem Barock, die in ihrer verschwendungssüchtigen Überladenheit die schmale Gasse fast erdrückt. Die Kirche des Franziskanerkonvents zeigt sich dagegen nach außen fast schlicht. Aber in ihrem Innenraum ist sie so gewaltig, daß man erst einmal tief Luft holen muß: Sie heißt denn auch die "Goldene Kirche", und golden ist sie im Überfluß. Keine Säule, keine Wand, kein Altar und keine Decke, die nicht mit vergoldeten Schnitzereien und Bildnissen überzogen sind. Fast sehnsüchtig heftet sich das Auge auf einige der freien Flächen, die von diesem Goldrausch freiblieben, nur allmählich gewöhnt man sich an diesen riesigen, wie aus Sagen erscheinenden Tempel. Auch Schönheit bedarf der Dosierung.

Erst die Krüppel und die ausgemergelten Bettler, die das Kirchenportal umlagern und stumm, aber eindringlich um Gaben heischen, führen einen wieder in die Wirklichkeit dieses armen, reichen Landes. Noch wirkungsvoller für die Rückbesinnung ist vielleicht der Sarghändler und Bestatter, der gegenüber der Kirche seine Dienste anbietet – auch auf American Express Kreditkarte.

Salvador zog im Verlauf der Jahrhunderte aber nicht nur Nutzen aus den Werken seiner Oberschicht, der Sklavenhafen entwickelte sich zu einem Stück Schwarzafrika in Südamerika – ein Umstand, der die Stadt, ihre Menschen, ihre Lebensweise und ihren Speisezettel nachhaltig beeinflußte. Exotisch-schmackhafte Gerichte, oft heiß wie die Hölle oder süß wie das Himmelreich, machen Salvador zu einem Abenteuer für robuste Gourmets, zu einem billigen Abenteuer. Für eine Handvoll inflationsschwacher Cruzeiros bekommt man an den Garküchen der Mamas Bahias Leckerbissen, die sich oft nur mit ausgefuchsten Portugiesischkenntnissen einordnen lassen, sofern nicht indianische Speisen und Namen mit eingegangen sind in die Rezepturen.