Von Helmut Schödel

Schon Gerlind Reinshagens erstes Theaterstück spielte unter Büromenschen. Angestellte feierten ein Fest der Bürointrigen in einer Mondnacht im Mai. Der Partylöwe, ein Büroschurke, hieß Hoffmann. Er war Oberbuchhalter und inzwischen dabei, zum dritten Direktor aufzusteigen. "Doppelkopf" hieß das Stück nicht nur, weil Hoffmann das gleichnamige Kartenspiel beherrschte, sondern weil er zwei Gesichter hatte. Das eine zeigte er den leitenden Angestellten in den Verwaltungsetagen, das andere den Arbeitern in den Werkshallen. Mit Vornamen hieß Hoffmann Heinrich. Denn es konnte einem vor ihm grauen, und sein Aufstieg war ein deutsches Drama.

Von der Autorin, die bis dahin drei Kinderbücher veröffentlicht hatte, las man in der Presse, daß sie eine "harmlose Hausfrau" sei, die in Berlin-Charlottenburg lebt, Jahrgang 1926. Gerlind Reinshagen war Apothekerin, bis sie sich 1965 entschloß, als freie Schriftstellerin zu leben. Neun Hörspiele schrieb sie, bis sie sich ans Theater wagte. Mit Stücken über Deutschland im Krieg und in den Aufbaujahren, über die schwere Schuld und das große Verdrängen, ist sie berühmt geworden. Für "Sonntagskinder" wurde sie 1977 mit dem Mülheimer Dramatiker-Preis ausgezeichnet, für das "Frühlingsfest" mit der Fördergabe des Schiller-Gedächtnispreises. "Himmel und Erde", ihr Stück über das langsame Sterben des Servierfräuleins Wilke, wurde inzwischen 37mal inszeniert.

Gerlind Reinshagens neuestes Theaterstück spielt wieder im Büro. Schon in den ersten kurzen Szenen, kaum zehn Minuten, vergehen Tage, Wochen. Immer wieder ist Montag, immer wieder der 30. Die Büro-Uhr tickt, das Telephon klingelt, die Photokopiermaschine rasselt. Dieselben Szenen immer wieder. Der Lehrling sagt: "Es läuft, es läuft aber auf absolut nichts zu." Bürogeschichten sind Geschichten vom Warten. Ein Bürostück kann auch ein absurdes Drama sein.

dpa: "Auch in Zürich überzeugte das neue Reinshagen-Stück nicht. Das neue Stück ‚Eisenherz‘ von Gerlind Reinshagen, das von den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum und dem Schauspielhaus Zürich ... gleichzeitig als Uraufführung herausgebracht wurde, konnte auch in der Limmat-Stadt nicht voll überzeugen. Die bilderreiche Szenenfolge ... schleppte sich ... hin."

Am Tag vor der Uraufführung ihres Stücks durch Andrea Breth und den Bühnenbildner Franz Koppendorfer hat Gerlind Reinshagen Bochum verlassen. Am Tag darauf bekam ich ein Telegramm von ihr aus einem Kurhotel im Sauerland. Wie die Schriftstellerin vor dem Theater, flieht das Bürofräulein Eisenherz aus der Firma. Eigentlich heißt sie Bublitz und ist noch immer nicht "härter, wie Eisen" geworden, noch immer empfindlich gegen jedermanns Schläge. Deshalb bringt sie sich in Sicherheit. Ihr Name seither: Eisenherz.