Der gebürtige Sizilianer Lucio Lombardo-Radice, der im Alter von 66 Jahren am vergangenen Sonntag in Brüssel einem Herzinfarkt erlag, war seit 1938 Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens (PCI), seit 1969 Mitglied ihres Zentralkomitees. Er war Professor der Mathematik, politischer Philosoph, ausgewiesener Kenner Goethes und Kafkas, Anhänger der Friedensbewegung und – dies wohl vor allem – ein unermüdlicher Verfechter eurokommunistischer Reformideen. Daß die PCI sich als erste westeuropäische kommunistische Partei in den sechziger Jahren liberalisierte und Zwangsvorstellungen wie der "Diktatur des Proletariats" abschwor, war nicht zuletzt das Verdienst dieses Mannes, der fünf Jahre in faschistischen Gefängnissen gesessen hatte.

Nur einmal, Anfang Mai 1979, habe ich Lucio Lombardo-Radice in Rom besucht. Wir trafen uns auf dem Campus der Universität, in seinem Arbeitszimmer im "Instituto Matematico". Ich berichtete ihm von den jüngsten Schikanen der DDR-Behörde gegen den seit langem unter Hausarrest stehenden Robert Havemann: Auch seine Frau und sein Kind durften das rund um die Ühr besetzte und bewachte Grundstück in Grünheide nun nicht mehr verlassen. Lombardo-Radice wollte Einzelheiten wissen – wie die Familie versorgt wird, wer noch Zutritt zum Hause hat.

Dann reichte er mir einen handgeschriebenen Brief des italienischen Staatspräsidenten Pertini herüber, den er gerade erhalten hatte. Pertini dankte darin für ein Schreiben Lombardo-Radices, in dem dieser sich für einen offiziellen italienischen Protest zugunsten Robert Havemanns ausgesprochen hatte. Er, Pertini, habe inzwischen den Außenminister der Republik gebeten, auf diplomatischem Wege bei der DDR-Regierung in dem gewünschten Sinne zu intervenieren. Das solle natürlich nicht an die große Glocke gehängt werden, um den möglichen Erfolg nicht zu gefährden, deshalb diese sehr persönliche Mitteilung.

Die noble Menschlichkeit, die an Pertini gerühmt wird, hat auch den Kommunisten Lombardo-Radice ausgezeichnet. Freiheit und Kommunismus waren für ihn keine Gegensätze. Eben deshalb richtete sich seine Kritik unnachsichtig gegen Dogmatismus und Despotismus im eigenen Lager.

Am 5. Januar 1966 erschien in L’Unità, dem Parteiorgan der PCI, Lombardo-Radices Rezension von Havemanns "Dialektik ohne Dogma". Er trat für den verfehmten Autor mit Worten ein, die von der SED als offene Kampfansage empfunden wurden: "La polemica di Havemann e, in efetti, non contro il comunismo mà perilcomunismo..."

Elf Jahre später, am 19. Februar 1977, traf er Robert Havemann, unbemerkt von den Behörden, in Ostberlin – und berichtete auch darüber ausführlich in L’Unità. Für ihn war der deutsche Regimekritiker immer "ein sehr treuer Kommunist" geblieben. Dem Zentralkomitee der SED stattete das Mitglied des Zentralkomitees der PCI keinen Besuch ab.

Lucio Lombardo-Radice hat manchen innerparteilichen Konflikt und manches Mißverständnis auf sich genommen, um die italienische kommunistische Partei aus einer Abhängigkeit zu lösen, die ihm ohne historischen Sinn und ohne Zukunft erschien. Hartmut Jäckel