Schuldlose Witwe, 23, sieht jünger aus – Geld und Kaste spielen keine Rolle

Von Viola Roggenkamp

Wann in Indien geheiratet wird, bestimmendie Astrologen. Wie in Indien geheiratet wird, bestimmen Religion und Tradition. Wer in Indien wen heiratet, bestimmen die Eltern. Das ist in Delhi nicht anders als in irgendeinem Dorf. Nur in einem Punkt ist die Hauptstadt inzwischen voraus: Die Rolle des Heiratsvermittlers haben hier die Tageszeitungen übernommen.

Heiratsanzeigen in der Times of India, dem Indian Express oder der Hindusthan Times füllen Seiten. Sie werden aber nur dann aufgegeben, wenn sich im eigenen Verwandten- oder Bekanntenkreis niemand gefunden hat. Am Ende führt dann der Weg über die Zeitung irgendwie in die Ehe. Bekanntschaftsanzeigen indessen sind in der Gedankenwelt gar nicht vorstellbar.

Üblicherweise ist ein Mädchen spätestens kurz vor der Geschlechtsreife standes- und kastengemäß unter den roten Schleier gebracht worden. Singles aus Überzeugung, womöglich gar junge Frauen, die darauf bestehen, unverheiratet bleiben zu wollen, gibt es in diesem Land nicht. Unter Studentinnen sind sie so schwer zu finden wie eine Nadel im Heuhaufen, unter den Ungebildeten – fast 90 Prozent aller Inderinnen können nicht lesen und schreiben – gibt es keine, die nicht glaubt, heiraten zu müssen, um versorgt und beschützt zu sein. In ihrem Alltag als Ehefrau und Mutter ist dann das Gegenteil richtig, sorgt vorwiegend sie für den täglichen Reis mit Curry.

Die Aufgabe der indischen Frau ist es, dem Mann Söhne zu gebären. Über ihr zwanzigstes Lebensjahr hinaus ist sie nur als Ehefrau eines Mannes, als Mrs. Pradeep Gupta, denkbar, nicht einmal ihr Vorname ist mehr von Bedeutung.

"Wir sind seit 25 Jahren verheiratet und leben seit zehn Jahren zusammen", ist die übliche Auskunft junger Ehepaare. Die meisten wurden bereits als Kinder miteinander vermählt.