Man kann die Quellen spielen wie eine Orgel." So steht’s geschrieben im Badehaus 3. Das Verteilungsschema im Korridor offenbart das unterirdische Röhrengeflecht der Bad Nauheimer Badekur. Da kann man die Thermalsolen aus verschiedenen Tiefen (160, 180 und 210 Meter) und von unterschiedlicher Konzentration des Salzes (wie das Wasser der Nordsee: bis 3,2 Prozent Salz) und der Kohlensäure in feinsten Abstufungen miteinander mischen: in Übereinstimmung mit der individuellen Therapie bei Herz- und Kreislaufleiden sowie rheumatischen Erkrankungen und Psoriasis.

Das schöne Jugendstilbad zwischen Taunus und Vogelsberg ist seinen Hauptindikationen treu geblieben, seit die Knappschaftsärzte der staatlichen Saline vor etwa 150 Jahren gichtbrüchigen Salinenarbeitern Wannenbäder mit erwärmter Sole verordneten und, 20 Jahre später, ein Professor aus Marburg die blutdrucksenkende Wirkung der Kohlensäure erkannte. Die Behandlung von Schuppenflechte mit dem nämlichen Kurmittel tritt trotz ermutigender Resultate gegenüber den klassischen Heilanzeigen kaum in Erscheinung. Von drei Bad Nauheimer Kurgästen suchen zwei Linderung bei Arthritis und Arthrose, jährlich etwa 30 000. Weitere 15 000 Patienten leiden an Herzkrankheiten oder Kreislaufstörungen.

Der Herztod rangiert in der Statistik der Krankheiten in Deutschland an erster Stelle, Im Bad Nauheimer "Haus der Gesundheit" informieren sich die Kurgäste fast spielerisch über die jeweils zutreffenden Risikofaktoren: Fast jeder ist gefährdet. 15 000 Herzkranke warten auf einen Termin beim Chirurgen. Stündlich sterben in der Bundesrepublik 13 Menschen am Herzinfarkt.

Den unbestreitbaren Erfolgen der Bad Nauheimer Kur verdankte der Kurort in der Vergangenheit seinen internationalen Ruf als führendes deutsches Heilbad nächst Baden-Baden. Für seine zentralen Aufgaben ist Bad Nauheim mit den unvermindert springenden Quellen (im Sprudelhof bis zwölf Meter), sechs Badehäusern, dem ungewöhnlichen Heilmittel Turba-Therm (federleichte Torfpackungen mit starker Wärmeentwicklung), 35 praktizierenden Badeärzten sowie zwei Forschungsinstituten hervorragend ausgestattet. Das William-Kerckhoff-Institut betreibt als "Abteilung für Experimentelle Kardiologie" des Max-Planck-Instituts eine Herzklinik mit 160 Betten, das in seiner Art einmalige Institut für Balneologie und Rheumatologie mit Klinik für 46 stationäre Patienten gehört zur Universität Gießen.

In der Beschränkung der Heilanzeigen sieht Kurdirektor Eduard Alt ein Argument für die Effektivität der Bad Nauheimer Kur, zu deren zeitgemäßem Erscheinungsbild auch Ernährungslehre, Bewegungstherapie, Nikotinentwöhnung, Kneippkur und autogenes Training gehören. Kurdirektor Alt: "Ich halte nichts von den krampfhaften Bemühungen um eine möglichst breite Indikationspalette, bloß um mehr Patienten anzulocken." Es käme ihm auch in der neuerlichen Phase der Rezession unlauter vor. "Bad Nauheim bietet ja alle erdenklichen Zerstreuungen und Sporteinrichtungen: Konzerte, Tanzturniere, Modenschauen, Golfplatz, Tennis, Schwimmen, Kegeln, aber..."

Zu berichten ist nämlich nicht nur von einem Kurbad mit ausgewogener Indikation und 28 000 Einwohnern, die so gut wie ausschließlich vom Kurbetrieb leben, zu berichten ist auch von einem beschaulichen Städtchen am Rande der Taunuswälder mit einem Angebot von 2500 Betten in Kliniken und 1200 in Hotels und Gasthöfen zum Übernachtungspreis zwischen 16 und 58 Mark. Ungefähr 30 000 Feriengäste sowie Teilnehmer von Tagungen und Kongressen reduzieren die durchschnittliche Verweildauer der Kurbadstatistik von knapp vier Wochen auf 16,8 Tage und verzerren das Verhältnis von Übernachtungen zu den Bilanzen des Kurbetriebs, der auf die Erlöse von Kurkartenverkauf und Kurmittelabgabe angewiesen ist.

"Das Staatsbad Nauheim ist ein Wirtschaftsbetrieb des Landes Hessen und gleicht einem mittleren Industrieunternehmen, das nach kommerziellen Gesichtspunkten geführt wird und sich selbst tragen muß"‚ erläuterte Alt. Die Stadt Nauheim hat lediglich kommunale Funktionen. Das Bad Nauheim besitzt die Quellen und Badehäuser, das Kurhaus, ein neues luxuriöses Kurhotel mit besonderer Eignung für Kongresse, ein Thermal-Bewegungsbad, eine Trinkkuranlage und das erwähnte "Haus der Gesundheit" (zuvor Inhalatorium). Das Bad besitzt ferner eigene Kliniken, Gaststätten und Hotels, eine Fernheizungsanlage, ein Wasserwerk, eine Großwäscherei, ein Salzmuseum (mit jährlich 10 000 Besuchern), Ländereien, eigene Plätze und Straßen und sogar eine eigene Polizei.