Von Carl-Christian Kaiser

Gearbeitet wird, daß es raucht. Während in den Bonner Büros gerade die Morgenlichter angehen, ist in der "Baracke", wie das sozialdemokratische Parteihauptquartier in Erinnerung an vergangene architektonische Zeiten noch immer genannt wird, jeden Montag, Mittwoch Und Freitag schon eine kleine Runde versammelt: Hans-Jochen Vogels persönlicher Stab und andere Mitstreiter. Wenn der Bundestagswahlkampf erst auf vollen Touren läuft, wird man sich noch früher treffen. Der Kanzlerkandidat der SPD ist keineswegs immer dabei. Aber Vogels ständige Anwesenheit ist gar nicht nötig, denn Frank Dahrendorf, der erste Mann des vor allem aus freigestellten Beamten verschiedener Ministerien zusammengesetzten Stabs – zu dem die Abteilungsleiter der Baracke und Mitarbeiter der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion hinzugezogen werden ist so etwas wie Vogels Alter ego. "Da genügt schon ein Telephongespräch mit ein paar Stichworten sagt Dahrendorf.

Hans-Jochen Vogel hat zu ihm Verbindung gehalten, seit Dahrendorf in jenem Hamburger Giftmüll-Skandal, der sich 1979 um den Namen Stoltzenberg rankte, als damaliger Justizsenator der Hansestadt der allgemeinen Empörung als Sündenbock geopfert wurde – ein Vorgang, der Vogels Gerechtigkeitssinn tief berührte. Zwei Jahre später holte er den anfangs Widerstrebenden als Innensenator in seine Berliner Stadtregierung. Vor allem Dahrendorf war es, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit jenes aus Festigkeit wie Verständigungsbereitschaft bestehende Konzept gegenüber den Hausbesetzern entwickelte, das sich als "Berliner Linie" einen Namen gemacht hat.

Jetzt ist der Achtundvierzigjährige, wie Vögel sagt, "gewissermaßen mein Schreckenberger". Frank Dahrendorf soll den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten unterstützen und beraten – und er soll ihm, wie schon in Berlin, nicht zuletzt auch widersprechen.

Anregung und Widerspruch ist als Aufgabe auch sechs persönlichen Beratern zugedacht, die Vogel außer seinem unmittelbaren Stab um sich versammelt hat. Ihre Namen markieren zugleich Schwerpunkte, die der Kandidat sich setzen will. Carl Friedrich von Weizsäcker wird gewiß Äußerungen Zur Sicherheitspolitik inspirieren, die in ein Konzept eingebettet sind, das sich nicht nur in den Grenzen des Nato-Doppelbeschlusses bewegt. Klaus Meyer-Abich, Professor für Naturphilosophie an der Universität Essen, besitzt den Ruf eines Mannes, der sich gegenüber der Kernenergie eher skeptisch, jedenfalls sehr differenziert verhält; er hat in die Debatte den Begriff von der "Sozialverträglichkeit" der neuen Energiequelle eingebracht. Die beiden parteilosen Professoren verkörpert am reinsten, was Vogel unter anderem im Sinn hat: einen kritischen Dialog zwischen Wissenschaft und Politik.

Auch die der SPD angehörenden Berater deuten auf bestimmte Programme hin. Professor Hans-Jürgen Krupp, Präsident des Deutschen Wirtschaftsinstituts in Berlin und Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, ist ein Vertrauensmann der Gewerkschaften, Verfechter einer bedarfsorientierten Wirtschaftspolitik und Experte für den Ost-West-Handel. Wirtschaftspolitischen Rat wird von Fall zu Fall auch Karl Schiller beisteuern. Dann die beiden Damen in Vogels Runde: Da steht Käte Strobel, die frühere Gesundheits- und Familienministerin, zumindest für einen Teil der Sozialpolitik und Probleme, die den älteren Teil der weiblichen Wählerschaft beschäftigen. Eva Rühmkorf hingegen, verheiratet übrigens mit dem Schriftsteller Peter Rühmkorf, hat mit Fragen zu tun, die besonders jüngere Wählerinnen umtreiben: Sie steht bei der Hamburger Senatskanzlei einer Einrichtung vor, die den gräßlichen, aber nun wirklich programmatischen Titel "Leitstelle für die Verwirklichung der Gleichstellung der Frau" trägt.

Freilich, so sehr die Wahl dieser Berater auch auf eine gewisse Außenwirkung bedacht ist, arbeiten sollen sie mehr nach "innen", durch Expertisen, Kolloquien und andere Zusammenkünfte mit Vogel, zu denen auch weitere Fachleute kommen. Außenwirkung entfaltet Vogel ganz für sich – zum Beispiel auf der Bundeskonferenz, zu der die SPD Ende letzter Woche in Kiel zusammenkam. Sie war nicht nur als Unterstützung für Björn Engholm, den sozialdemokratischen Spitzenbewerber bei der bevorstehenden schleswig-holsteinischen Landtagswahl, angelegt, sondern vor allem auch als erster Feldgottesdienst vor dem Stimmgang im Bund, und der Kanzlerkandidat nutzte dieses Forum bereits wie selbstverständlich. Schon bilden, sich respektvolle Gassen für den Mann, der das mächtigste Amt im Staate anstrebt.