Von Wilhelm Grewe

Seit Fritz Fischers Buch über Deutschlands "Griff nach der Weltmacht" ist uns immer wieder die verhängnisvolle Bedeutung weltpolitischer Theoreme für den Lauf der Dinge, der zum Kriegsausbruch von 1914 und zum Zusammenbruch von 1918 führte, eingeschärft worden. Einer der gewichtigsten Einwände gegen Fischers Thesen von der deutschen Kriegsschuld bezog sich darauf, daß er es unterlassen habe, die von ihm beigebrachten Zeugnisse des deutschen Imperialismus der Vorkriegs- und Kriegszeit in den Gesamtzusammenhang des weltpolitischen Denkens der damaligen Zeit zu stellen und den durch die Isolierung der deutschen Spielart des damaligen Zeitgeistes hervorgerufenen Eindruck zu vermeiden, daß es sich dabei um eine ganz singuläre, spezifisch deutsche Erscheinung gehandelt habe.

Etwas verwundert wird dem Leser des hier anzuzeigenden Buches

Heinz Gollwitzer: "Geschichte des weltpolitischen Denkens", Bd. II: "Zeitalter des Imperialismus und der Weltkriege"; Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1982, 643 S., 132,– DM.

bewußt, daß es eine als Grundlage für eine Überprüfung dieses Einwands brauchbare umfassende Geschichte des weltpolitischen Denkens – im Unterschied zur Überfülle geschichtlicher Darstellungen des weltpolitischen Handelns – bisher nicht gegeben hat (wenn man von dem dokumentarischen und von anderen Auswahlkriterien geleiteten "Quellen- und Arbeitsbuch" von Wolfgang Mommsen, "Imperialismus – seine geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen", 1977, absieht).

Dem Autor, emeritierter Professor für Geschichte in Münster, ist daher vorab zu attestieren, daß er – um eine in diesem Falle angebrachte Formel der Rezensionssprache zu gebrauchen – eine empfindliche Lücken der historischen Forschung geschlossen hat. Es war eine ebenso dringliche wie fruchtbare Forschungsaufgabe, ein umfassendes, globales Bild des weltpolitischen Denkens einer Epoche zu zeichnen, die im Zeichen des "Imperialismus" zum ersten Male in einem ganz intensiven Sinne "Weltpolitik" praktizierte. Natürlich ist das imperialistische Zeitalter nicht der Beginn von "Weltpolitik" überhaupt. Im Denken wie im Handeln ist es nur die Kulminationsperiode eines langen Prozesses – was im Falle des vorliegenden Buches dadurch dokumentiert wird, daß ihm ein erster, 1972 erschienener Band voraufgegangen ist, der den Zeitraum vom "Zeitalter der Entdeckungen bis zum Beginn des Imperialismus" umspannte (ZEIT, 7. Juli 1972).

Die Anfänge des "klassischen" Imperialismus setzt Gollwitzer in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts an, mit dem scramble for Africa (französisches Protektorat Tunesien, britische Okkupation Ägyptens, Erwerb des französischen Kongo); sein Ende mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges. Was danach kam, war weitgehend immer noch "Imperialismus", aber ein vom "klassischen" verschiedener, wie zum Beispiel der "Imperialismus sui generis" der Sowjetunion. Der Verfasser führt die Darstellung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges; für die Zeit nach 1945 begnügt er sich mit einem knappen, gerafften "Ausblick".