ARD, Mittwoch, 1. Dezember, 20. 15 Uhr: "Schwarz Rot Gold: Kaltes Fleisch", Fernsehfilm von Marco Serafini (Regie) und Dieter Meichsner (Buch)

Gewaltsam zu Tode kommt niemand, Blut fließt keines. Nicht einmal ein richtiger Kommissar hat hier etwas verloren, und der Hauptgauner, der am Ende zur Strecke gebracht wird, ist dem Zuschauer von Anfang an bekannt. Dennoch: Für Spannung ist in diesem 100-Minuten-Krimi gesorgt. Denn es geht auch anders als in den zu Dutzendware verkommenen Mord-und-Totschlag-Geschichten vom Typ "Tatort" oder "Der Alte", deren Drehbuchautoren es zunehmend schwerfällt, der Jagd nach dem Gewaltverbrecher und seinen Motiven noch überraschende Seiten abzugewinnen.

"Kaltes Fleisch" führt in die wundersame, mitunter auch bizarre, aber stets reale Welt der Wirtschaftskriminalität. Dunkle Elemente, die Messer zücken oder mit Revolvern spielen, kommen nicht vor. Die Waffen der Täter mit "weißen Kragen" sind Telephon und Kugelschreiber, Scheinfirmen, gefälschte Stempel und Zolldokumente, vor allem aber ihre exakte Kenntnis von Gesetzen, Verordnungen und Behördenroutine. Das Verbrechen ist meist Betrug, meist am Staat und meist um Millionen Mark.

Die Aufdeckung eines solchen Falles schildert "Kaltes Fleisch": Die merkwürdigen Wege, die gefrorenes Rinderfilet aus Argentinien nimmt, beschäftigt Amtmann Zaluskowski (Uwe Friedrichsen) von der Hamburger Zollfahndung schon länger. Denn er war bereits einmal nahe dran, den Fleischfabrikanten Lebenhart als Filetschmuggler und Zollbetrüger großen Stils zu entlarven. Das Gericht sprach Lebenhart frei, doch Zaluskowski schnüffelt weiter.

Obwohl Actionszenen rar sind – eine auf der noch nicht eröffneten Autobahn Hamburg-Berlin gedrehte Verfolgungsjagd läßt lange auf sich warten –, obwohl schwierige Dialoge die zum Verständnis nötigen Informationen vermitteln müssen und viele optisch reizlose Büros, Akten und Papiere ins Bild kommen, fesselt dieser Wirtschaftskrimi. Das frische, unverbrauchte Thema hat den Hauptverdienst daran.

Wer zumindest hin und wieder die Wirtschaftspresse studiert, weiß, daß die Wirklichkeit jährlich Stoff für Dutzende solcher Storys liefert. Um so verwunderlieber, daß die Weiße-Kragen-Kriminalität, die auch beachtliche politische, soziologische und psychologische Dimensionen hat, bislang vom Film und Fernsehen kaum beachtet und bearbeitet wurde, Regisseur Serafini, erst 26 Jahre alt, liefert eine Erklärung: "Wirtschaft ist sicherlich komplizierter als Seele."

Dieter Meichsner, Leiter der Abteilung Fernsehspiel beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), sieht den Grund für das Defizit ähnlich: "Es fehlt an Autoren, die was von der Sache verstehen." Meichsner hat sich deshalb vor Jahren selber daran gemacht. Mit Expertenhilfe der Hamburger Zollfahndung kamen dabei drei Drehbücher heraus, die der NDR als Trilogie "Schwarz Rot Gold" verfilmen ließ. Vor dem "Kalten Fleisch" waren schon "Unser Land", der Fall einer großangelegten Mineralölsteuer-Schiebung, und "Alles in Butter", eine Schwindelaffäre um EG-Vorschriften, zu sehen.

Spannende Unterhaltung, verbunden mit sonst rarer Einsicht in die dunklen Grenzbezirke der Wirtschaft: Diese Mischung hebt die Trilogie weit über den gängigen Krimistandard im Fernsehen hinaus. Ansehen und Nachahmung empfohlen. Heinz Blüthmann